Theater : Die Kunst des Nicht-Spielens

Erst vor wenigen Tagen wurde seine Inszenierung "Onkel Wanja" zum Stück des Jahres gewählt. Am Samstagabend feierte die Berliner Akademie der Künste ihren Meister: Jürgen Gosch. Der Regisseur war trotz Krankheit gekommen, um sich ehren zu lassen.

Andreas Schäfer

Es ist dann der Schauspieler Michael Gwisdek, der die Sache an sich reißt und anschaulich beschwört, was es eigentlich bedeutet, mit dem Regisseur Jürgen Gosch zusammenzuarbeiten, dessen grandiose DT-Inszenierung von „Onkel Wanja“ erst vor wenigen Tagen zur Inszenierung des Jahres gewählt wurde. Dazu muss Gwisdek aufstehen und an die Rampe treten. „Ich mach das mal vor, ja? Ich kam also da zur Probe von ,Leonce und Lena’ (Goschs Skandalinszenierung an der Volksbühne aus dem Jahr 1978) und war vorbereitet und alles und dachte: So. Text. Büchner. Wir wollen wat. Los geht’s.“

Gwisdek stößt kraftvoll die Faust in die Luft. „Aber et ging nich los. Mischa – er hat mich immer Mischa genannt – also: Mischa, stell dich doch einfach mal da hin. Ja. Gut. Und nu? Nüscht! Guckt der mich einfach nur an.“ Lange Pause. „Mischa, zieh doch mal dein Jackett aus. Mein Jackett? dachte ich. Und Büchner? Na jut, hab ick och jemacht.“ Sehr lange Pause. „Mischa, zieh doch mal bitte dein Hemd aus.“ Wie man sich bei Michael Gwisdek vorstellen kann: Die Anekdote dauert noch lang. Am Ende erzählt er, wie er in Unterhosen vor dem Schauspielerkollegen Hermann Beyer stand, der ebenfalls nur Unterhosen trug, und „am Gummi von dessen Schlüpper“ schnicken sollte. Als die Lacher verebbt sind, setzt Gwisdek die letzte effektvolle Pause, bevor er seine Gosch-Erklärgeschichte gerührt abschließt: „Wat ick damit sagen will: Der Jürgen hat mir die Kunst des Nicht-Spielens beijebracht.“

Alle sind da. Ganz Theater-Berlin sitzt am Samstagabend im großen Saal am Hanseatenweg, um zusammen mit der Akademie der Künste den Regisseur Jürgen Gosch zu ehren. Obwohl er aus Krankheitsgründen gerade seine „Faust“-Inszenierung in Wien absagen musste, ist auch Gosch gekommen und hört mit feinem Lächeln zu, wie Thomas Langhoff, Ulrich Matthes, Roland Schimmelpfennig, der Bühnenbildner Johannes Schütz, Corinna Harfouch, Jürgen Holtz, Ernst Stötzner, Christoph Hein, Heidemarie Schneider, Hermann Beyer und der Theaterprofessor Klaus Völker versuchen, sein „Anderssein“ zu erklären. Es soll auch ein „bisschen um sein Leben, seine Biographie“ gehen, verspricht ein aufgekratzter Thomas Langhoff zu Beginn.

Leichter gesagt als getan. Denn Jürgen Gosch ist nicht nur ein herausragender, sondern auch ein geheimnisvoller Regisseur. Er hat weder eine Regie-Handschrift, noch will er etwas von Konzepten wissen (über die leicht zu reden wäre). Er ist nicht nur im Gespräch wortkarg („ich arbeite aus Lust an der Arbeit und aus Lust am Geld“), sondern offenbar auch während der Proben. Den Anwesenden merkt man an, dass sie aus Respekt vor Goschs mönchischer Zurückhaltung, vor seiner „weisen, genauen, humorvollen Aufmerksamkeit“ (Matthes) nicht viele geschwätzige Worte machen wollen. „Er bringt einen dazu, die eigene Scheu zu überwinden. Wie er das macht, weiß ich auch nicht“, sagt Ulrich Matthes.

Bleibt also die Biographie des vor 65 Jahren, am 9. September 1943, in Cottbus geborenen Meisters, der nach der Inszenierung von „Leonce und Lena“ keine Aufträge in der DDR mehr bekam und danach im Westen arbeitete. In Hannover, Bremen, Hamburg, Köln, wo ihm 1984 mit Sophokles’ „Ödipus“ der Durchbruch gelang. Langhoff erzählt von Goschs Anfängen als Schauspieler in Potsdam und zeigt Ausschnitte aus seinem Fernsehfilm „Befragung Anna O“, in dem Gosch einen jungen Arbeiter spielte. Gosch selbst zeigt, statt zu sprechen, lieber einen Film, der Anfang der achtziger Jahre angefangen, aber nie fertiggestellt wurde, und den er „als Geschenk“ für diesen Abend noch einmal bearbeitet, das heißt radikal zusammengeschnitten hat. Aus fünfzig wurden elf rätselhafte Minuten, „Fünf Szenen eines verlorenen Films“, die hauptsächlich in einem leeren Theater spielen. Eine schweigsame Schauspieltruppe, die viel herumsitzt. Einmal prügelt sich auch ein verzweifeltes Liebespaar.

Vorher hat Gosch freundlich gesagt: „Es gibt eigentlich nichts. Keinen Plot oder so.“ Auf dem Programmzettel steht: „Gosch liebt seine Schauspieler und sie lieben ihn.“ Etwas von dieser Liebe ist schließlich in der Luft, als Corinna Harfouch spontan ein Lied singt und Ernst Stötzner das Epos von der roten Eule vorträgt. Dann wird es dunkel, Ulrich Matthes hebt an: „Der Mond ist aufgegangen.“ Und Hunderte Stimmen antworten: „Die goldnen Sternlein prangen/ Am Himmel hell und klar.“ Andreas Schäfer

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