Theater : Die Legende von Heinrich und Paula

Bilder sprengen das Theater: Tankred Dorsts Drama „Künstler“ in Bremen. Regisseur Christian Pade inszeniert die Stationen im Leben der Künstler Heinrich Vogeler und Paula Modersohn-Becker.

Peter von Becker
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Paula Modersohn-Becker 1906 (Ausschnitt). -Foto: Worpsweder Verlag/VG Bildkunst 2008, Kunstmuseum Basel

Plötzlich sind sie alle wieder da. Heinrich und Otto und Paula und Rainer Maria. Treiben ihr Wesen hier an der Weser. Das Bremer Theater spielt mit ihnen das neue Stück von Tankred Dorst, genannt „Künstler“. Und gleich nebenan vor der Kunsthalle und nahebei im Museum der Böttcherstraße Menschenschlangen fast wie in Berlin beim MoMa, dort freilich gastiert der Louvre. Und die verbindende Figur heißt Paula.

Paula ist unsere Frida. Statt Kahlo die Malerin Modersohn-Becker, die vor hundert Jahren so tragisch früh, ihre neu geborene Tochter im Arm, an einer Embolie verstarb. Mit den letzten Worten „Wie schade.“ Ihr Jubiläum zeigt nun eine weibliche Kunst-Ikone. Paulas Name und Bild beherrschen Bremen, die Leute kommen aus aller Welt, es gibt im Café Paula-Frühstücke, mit Croissants, weil ja „Paula in Paris“ der Bremer Kunsthallenhit ist; und es fahren Paula-Busse hinaus ins Künstlerdorf Worpswede, wo sie mit ihren Zeitgenossen in Sonder- und Dauerausstellungen und an den Lebensort und im Sterbezimmer allgegenwärtig ist. Dort geleiten einen noch Nachfahren und Zeitzeugen durch die historischen Räume, grau, gebeugt und strahlend. Eine tolle Geisterversammlung, an Weser und Wümme.

Es ist eine deutsche Weltsekunde. Im Teufelsmoor ein paar Kilometer südlich vor Bremen siedelt sich eine junge Männerbande an und will ganz den Künsten leben. Mit etwas freier Liebe und der Natur, nichts als Weiber, Wasser, Wald und Wiesen, dazu der ewige Wind. Vor gut hundert Jahren im Wolkenkuckuksheim Worpswede, wo der Jugendstilkünstler Heinrich Vogeler und die Landschaftsmaler Otto Modersohn, Fritz Mackensen oder Fritz Overbeck sich ihre postimpressionistische Moderne inszenieren.

Ein weit über Worpswede hinausreichendes Talent

Eine gefährdete Idylle, während die wirkliche Moderne in Paris, Berlin und Wien die Formen sprengt, die Psychoanalyse erfindet und die Quantenphysik. Das spürt schon der Dichter Rainer Maria Rilke, den Worpswede fasziniert, aber nicht hält. Wie auch Paula Becker, die junge Frau des rauschebärtigen Otto Modersohn, die es zwischen 1900 und ihrem Todesjahr 1907, immer wieder nach Paris zieht. Zu den Bildern Cézannes, Gauguins, Bonnards, Picassos, ins Atelier Rodins, das ihr Rilke öffnet, zu Rilkes starker Frau, der Bildhauerin Clara Westhoff.

Die Frauen sind hier tatsächlich die kühneren Menschen, die wahren Magneten. Die kleine Paula mit den großen Augen wird als Künstlerin in der Männerwelt zunächst nur belächelt. Wie in Mexiko etwas später die kleine Frida Kahlo. Wie deren Malermann, der berühmte Diego Rivera, so spürt freilich auch Otto Modersohn das besondere, von ihm wegdrängende, Worpswede weit übergreifende Talent seiner Frau. Ebenso wie Rilke oder Heinrich Vogeler. Auch dieser erschöpft sich, obwohl erfolgreich und begütert, an der Worpsweder Naturromantik, wird erschüttert durch den Ersten Weltkrieg, fordert früh schon den Rücktritt des Kaisers, was ihn dank eines reichen Bremer Gönners eine Weile ins Irrenhaus bringt. Statt vors Kriegsgericht.

Dann ist es seine zweite Frau, die Russin Sonja, die den bereits zum Sozialismus Gewendeten, nach Moskau lockt. Wieder ein Ausbruch, ein Aufbruch: statt der Worpsweder Künstlerkommune die Weltrevolution. Und ein furchtbares Finale. Der feingeistige Bürgersohn und Idealist Heinrich Vogeler hatte sein wunderschönes Jugendstil-Anwesen, den jetzt wieder renoviert zu besichtigenden Barkenhoff (hochdeutsch: Birkenhof) in Worpswede, längst vor 1933 als Heim für Proletarierkinder der „Roten Hilfe“ vermacht. Dafür war er vom Künstlerkollegen Fritz Mackensen denunziert worden. Als Emigrant in Stalins Sowjetunion malte er Traktoren und Landarbeiter, aber auch Visionen einer neuen, revolutionären Seidenstraße, während die Nazis den Barkenhoff demolierten. Heinrich Vogeler, der alles gegeben hatte, wurde im Krieg von den Stalinisten nach Kasachstan deportiert. Ohne Geld, ohne Kleider, halb erfroren, ist er 1942 in einer Bauernkate verendet.

Ironischer Seitenhieb auf Tschechow

Hiervon erzählt Tankred Dorsts Drama „Künstler“. Wer diese Realgeschichte allerdings nicht kennt, wird sich in der Uraufführung von Christian Pade, einem Schüler des erfahrenen Dorst-Regisseurs Dieter Dorn aus München, nicht leicht zurechtfinden. Die völlig offene, in den Proportionen viel zu breite Bühne des Bremer Schauspielhauses gibt dem Stück und den Schauspielern kaum Ort und Halt.

Tankred Dorst hat 22 Szenen zwischen Worpswede, Paris, Bremen, Moskau und der kasachischen Steppe entworfen. Mit gewohnt leichter Hand erzählt er im schnellen Wechsel von intimer poetischer Skizze und figurenreichem Tableau wieder sein Jahrhundertthema: das ästhetische, politische, soziale Scheitern einer großen Utopie – der Einheit von Kunst, Liebe und Leben. Wie einst die Ritterrunde im Riesendrama „Merlin“ zerbricht die Worpsweder Künstlergemeinschaft: mindestens für die beiden Grenzgänger Paula und Heinrich, deren Tode Mitte und Ende des Stücks markieren. Wie in Tschechows „Möwe“ tritt zuerst ein Mädchen mit einem toten Vogel auf, später heißt es, ironisch an die „Drei Schwestern“ erinnernd, „nach Moskau, nach Moskau“. Aber die Schwingen der Menschen sind zu schnell gestutzt, und ihre Sehnsucht verblutet.

Für den Wechsel von Künstlerdorf, Natur oder Großstadt, von Intimität und persönlichem oder gar revolutionärem Pathos schafft der Bühnenbildner Alexander Lintl in Bremen keine unterschiedlichen, sich verengenden oder öffnenden Räume. Die kahle schwarze Breitwandbühne ist immer: der ganze Welt-Raum. Eine gewisse Gliederung schafft nur eine Deckenschiene, an der quer durch die Szenen gelegentlich niederhängende Folien fahren, die, bedruckt und bemalt, ein Atelier andeuten oder Moskau, mit Stalinbild und Sowjetstern auf Rückwand und Brandmauer.

Riskante und gekonnte Aufführung

Bei so viel Abstraktion und nüchterner Andeutung müssen Welt und Weltbewegung vor allem im Kopf des Zuschauers entstehen. Mit Hilfe der Schauspieler, die auf dieser Szene bar und bloß bezahlen. Regisseur Christian Pade hat mit ihnen keine große, aber eine immerhin riskante, in szenischen Details auch gekonnte Aufführung inszeniert. Keine eigene „Künstler“-Vision, doch eine erste, erforschende Ansicht des Stücks. Tobias Beyer, groß, kahl, bärtig, gibt einen guten Eindruck von Otto Modersohns malerischer und menschlicher Redlichkeit. Im Gespräch mit der von Dorst aus mehreren Vorbildern zusammenerfundenen Figur des erotisch-politischen Revoluzzers Kurt (Johannes Flachmeyer, ein junges komödiantisches Temperament) wird daraus auch ein intellektuell-poetisches Credo für die gegenständliche Kunst, selbst wenn die reale Welt sich auflösen mag.

Eine Wucht ist die junge, aus Potsdam nach Bremen gewechselte Schauspielerin Johanna Geißler als Paula. Von der Statur her ähnelt sie dem Vorbild, und sie verkörpert mit physischer Intensität und dem hellen Blick, der auch die Bremer Verhältnisse sprengt, diese Mischung aus Demut und Aufbegehren, scheinbarer Naivität und schon vorscheinendem Genie, das von den Meistern lernen will. Von Meistern, die jenseits aller Rollen, Formen, künstlerischen Sehnsüchte zuerst Menschen und nicht nur Männer sind. Mit ihr kann Daniel Fries, der gleichfalls etwas an den originalen Vogeler erinnert, durchaus mithalten, und der erst 16-jährige Sebastian Schneider als Vogelers russischer Sohn stellt einen stalinistisch-fanatisierten, den Vater ausspionierenden Komsomolzen vor, zum Erschrecken.

Am nächsten Tag in der noch bis 24. Februar in der Bremer Kunsthalle laufenden Ausstellung „Paula in Paris“. Da hängt eines ihrer immer ein wenig verwunderten, verwundeten Selbstporträts gleich zwischen den Gesichtern Cézannes und Gauguins. Einst ein Traum. Jetzt wahr. Das „Künstler“-Drama von Tankred Dorst geht im Museum weiter und wird hier auch ohne Theater lebendig.

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