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Theater : Die Nackten und die Pfoten

16.12.2012 00:00 Uhrvon
Hundeelend. Eva Meckbach und Jenny König mit dem sehr braven Golden Retriever Kira.Bild vergrößern
Hundeelend. Eva Meckbach und Jenny König mit dem sehr braven Golden Retriever Kira. - Foto: Thomas Aurin

Gefangen in der Installation: Alvis Hermanis führt an der Schaubühne Maxim Gorkis „Sommergäste“ vor - und entdeckt sein Herz für einen Golden Retriever

Fangen wir an mit dem Hund, es geht nicht anders. Der Hund, ein Golden Retriever, schnüffelt und wedelt und tapst über die Bühne, dass es eine Freude ist. Kinder und Tiere sind im Theater verboten? Das ist eine uralte Regel, aber sie gilt nicht mehr.

Es ist auch bald vierzig Jahre her, jenes Ereignis, das anno 1974 die Theaterwelt erschütterte: Peter Stein setzte Maxim Gorkis „Sommergäste“ in einer Fassung von Botho Strauß in Szene. Diese Aufführung hat Welle um Welle vom Halleschen Ufer ausgesandt, das Ensemble war jung und weltmeisterlich. Die Achtundsechziger durften bei Stein und Gorki ihre Kleingroßbürgerlichkeit feiern, ohne den Weltveränderungsgedanken aufzugeben.

Zum Glück, denn vierzig Jahre sind im Theater eine wirklich kriminell lange Zeit, die Schaubühne hat damals auch einen „Sommergäste“-Film gedreht, man hat Bilder vor Augen, Menschen, Räume, ohne selbst dabei gewesen zu sein.

Ein wenig theaterhistorisches Gedächtnis schadet nicht, schadet nie, zumal Alvis Hermanis in seinen „Sommergästen“ mächtig historisiert. Die Bühne von Kristine Jurjane stellt einen abgeblätterten Ballsaal vor, überall liegen Bücherberge, ein aufgelassener Ort, wie es scheint, in den die Natur zurückwuchert; es sieht aus wie in den Sophiensälen. Und Hermanis zitiert: zum Beispiel den berühmten Brummkreisel aus Steins „Drei Schwestern“, den der Schauspieler Ernst Stötzner hier anschleppt.

Stötzner gehörte einst zur jungen Schaubühnen-Truppe der frühen Achtziger, war also beim ganz großen „Damals“ auch noch nicht dabei. Er bringt eine Ruhe mit, eine Versunkenheit, eine Statur, dass man ihm gut und gern zuhört. Das gilt auch für Ingo Hülsmann, der sich gleich zu Beginn mit einem Slapstick-Selbstmordversuch einführt. Auf die vielen anderen Akteure trifft das leider nicht so zu. Sie liefern Karikaturen ab, wirken ununterscheidbar als Partikel einer Gesellschaft, die sich endlos anödet, abnervt, anmacht, abstößt.

Aber zurück zu dem Hund. Das Tier ist ein Zärtlichkeitsangebot, wird aber kaum beachtet. Wie schön laut er sein Wasser schlabbert, wenn wieder einmal eine der Frauen einen halbhysterischen Kurzanfall hat. Ach, die einsamen Frauen! Ungeliebt, nicht ausgefüllt, aber auch unfähig, daran etwas wirklich zu ändern. Und wenn zum Schluss, nach dreieinhalb Stunden in diesem unbarmherzigen, dekadenten Tag- und Nachtasyl für besserverdienende Melancholiker und Burn-out-Typen, eine der Damen abgeht und erklärt: „Ich will leben!“, dann ist es zu spät. Man hat auch nicht das Gefühl, dass sie in ein neues Leben hinausgeht, sondern eher zu Kaiser’s um die Ecke.

Alvis Hermanis konstruiert Theatermaschinen. Ob es der Wiener „Platonov“ war (letzten Mai auch beim Theatertreffen zu sehen) oder sein „Eugen Onegin“ an der Schaubühne: Figuren und Texte werden in eine Installation hineingestellt, folgen einer Choreografie. Es hat etwas von Modelleisenbahnbau. Und es ist hier, bei den „Sommergästen“, endlich einmal wieder ein Theaterversuch im großen Maßstab. Nicht das Klein-Klein, das die Spielpläne bestimmt. Diese Aufführung hat Breitwandformat, aber sie entwickelt dann doch nicht die Kraft, den eigenen Lebens- und Leidensentwurf auszufüllen. Was quält diese Menschen so, also: uns, wenn wir gemeint sind? Dass sie alles haben, aber keine Liebe. Oder keinen Sex. Keine Perspektive, keine Lust, irgendetwas mit sich und dem andern anzufangen. Oder mit neuen Partnern und Aufgaben. Oder überhaupt.

Die komplette intellektuelle und emotionale Indisponiertheit drückt sich bei Hermanis in absurder Akrobatik aus. Männer und Frauen rollen über- und ineinander auf Sofas, dösen in Badewannen, verkeilen sich in Stühle, es ist eben das, was man in Installationen macht. Zitat: Castorf. Was wir da erblicken aus Hundeaugen, ist ein skurriler Mix der Berliner Traditionen der vergangenen Jahrzehnte. Schaubühne plus Volksbühne. Menschendarstellung, Menschenverstellung. Die Frauengruppe übt sich im ausgedehnten Streichelnummern und Workshopwärmeaustausch. Zitat: vielleicht Einar Schleef. Aber all diese Damen in ihrer Hübschheit und Gepflegtheit strahlen nichts Erotisches aus, ihr Begehren wirkt verkopft, von ihren Männern reden wir sowieso lieber nicht. Weinerliche Selbstmitleidskünstler schwingen sich zu lächerlichen Liebeserklärungen und Selbstentleibungstänzen auf. Niemand nimmt nichts ernst. Und dann sagt eine der Frauen: „ganz schön langweilig, unser Picknick“, worauf die Zustimmung im Publikum mit Händen zu greifen ist.

Wie stellt man Langeweile und Hoffnungslosigkeit dar, ohne hoffnungslos zu langweilen? Alvis Hermanis ist ja sonst ein Meister dieses Fachs, doch diesmal ist es einfach so, es bleibt dabei: Die Langweiler langweilen. Niemand geht mal raus mit dem Hund. Das wohltrainierte Tier zieht seine Bahnen, schnuppert in den morbiden Resten der Riesendatscha herum, legt sich brav auf seine Decke. Der Hund, wie seltsam, bringt nicht ein Element der Unordnung, des Ungeplanten ins Spiel: Auch er scheint sediert, besitzt jedoch den unschätzbaren Vorzug, dass er nun mal nicht sprechen kann, also auch nicht sprechen muss. Ob er glücklich ist, ob er leidet? Man weiß es nicht. Wie wohltuend, diese Indifferenz, während die Zweibeiner sogleich losjaulen, sich hitzig wälzen. Die „Sommergäste“ bellen, aber sie beißen nicht. Sie wollen auch nicht wirklich spielen.

Wer aber sind sie? Natürlich kann es nicht um die vorrevolutionäre Lage und Stimmung in Russland gehen (Gorkis Stück stammt aus dem Jahr 1904, ist im Grunde schon nach Tschechow). Es geht auch erkennbar nicht um Berliner Landhäusler und Grundstücksbesitzer in der Uckermark. Hermanis hat ein zeitloses Arrangement getroffen. Es verrät mehr über den Zustand eines desorientierten Theaters als über diese Zeit, von der das Theater sich abgekoppelt hat. Oder in der es so tief drinsteckt, dass es keinen Beobachtungs- und Ausgangspunkt findet. Es funktioniert eben nur als Installation, die man in jedem beliebigen Moment betreten oder verlassen kann. Denn es bewegt sich nichts, es ist pure Statik. Schön anzuschauen im Vorübergehen, schwer zu ertragen auf der langen Strecke.

Wieder am heutigen Sonntag, am 18., 21., 22., 25. Dezember sowie am 8. und 9. Januar .

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