Theater : Die Spur der Freunde

Mit einer bewegenden Trauerfeier im Berliner Ensemble nimmt die Theaterfamilie Abschied vom großen Regisseur und Intendanten Thomas Langhoff.

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Danke, Thomas. Cornelia Froboess spricht über den Theatermann Langhoff, der am 18. Februar 73-jährig gestorben ist.
Danke, Thomas. Cornelia Froboess spricht über den Theatermann Langhoff, der am 18. Februar 73-jährig gestorben ist.Foto: dapd

Wohin blicken Schauspieler und Regiekollegen, wenn sie auf einer Theaterbühne zu einem verstorbenen Freund sprechen? In den Raum über die Zuschauer, hoch, aber nicht sehr hoch, mit liebevollem, zugleich hilflosem Blick, den Kopf fragend zur Seite geneigt, irgendwo ins Leere auf Höhe des ersten Rangs rechts: „Danke, Thomas!“ – „Danke für deine Freundschaft!“ – „Danke, dass du mich auf der Schauspielschule entdeckt und 30 Jahre begleitet hast.“ – „Es wurde immer viel gelacht, obwohl gar nichts zu lachen war.“

Im Herbst 2010 kam Thomas Langhoff zu Claus Peymann und sagte ihm, dass es ihm nun wie dem Jürgen ginge. Dass auch er schwer erkrankt sei, wie der im Vorjahr verstorbene Jürgen Gosch.

Sie vereinbarten sogleich eine neue Arbeit, und so kamen sogar noch zwei Inszenierungen am Berliner Ensemble zustande, „Endstation Sehnsucht“ und Tschechows „Kirschgarten“, der gerade auf dem Spielplan stand, als Thomas Langhoff am 18. Februar starb. Nun haben sich 30 Weggefährten auf der Bühne versammelt, von Schauspielern wie Alexander Lang über den Dramatiker Volker Braun bis zu Akademiepräsident Klaus Staeck, von den Intendanten Thomas Ostermeier und Jürgen Flimm bis zu den Schauspielerinnen Dagmar Manzel und Carmen-Maja Antoni. Sie wollen Abschied nehmen. Und ihm danken.

Es ist, als könne man das, was Thomas Langhoff auf einem der eingespielten Filmausschnitte über seine Arbeit mit Schauspieler sagt, plötzlich mit Händen greifen. Er sagt: „Miteinander arbeiten schafft Werte.“ Während dieser bewegenden, aber auch heiteren zwei Vormittagsstunden im BE passiert etwas Seltenes: Freundschaft wird sichtbar.

Verlässlichkeit, Freundschaft, Zugewandtheit und eine völlige Uneitelkeit, diese Eigenschaften von Thomas Langhoff unterstreichen alle. Und dass es immer leicht und heiter auf den Proben zugegangen sei. Hat das vielleicht auch damit zu tun, dass Thomas Langhoff, Sohn des legendären Wolfgang Langhoff, sich als Regisseur nie ganz ernst nehmen konnte oder wollte? Robert Gallinowski liest aus Langhoffs frühen Tagebüchern, in denen das Theater lapidar ein „Hobby“ genannt wird. „Wir (gemeint sind Langhoff und Jürgen Gosch, mit dem er schon in den sechziger Jahren zusammenarbeitete) machen aus der Not eine Tugend....aber vielleicht wird aus dem Theaterpragmatiker noch ein Künstler.“ Dieter Dorn beschreibt, wie vital dieser Theaterpragmatiker bei den Proben in den Münchner Kammerspielen zu Werke ging, wo Langhoff während Dorns Intendanz 16 Inszenierungen herausbrachte. Der Regisseur habe „zielgerichtete Tumulte“ geschaffen und sei zur Veranschaulichung seiner Worte und zur Schauspielerunterstützung ständig auf die Bühne gestürmt, von der dieser „seine Schauspieler liebende Regisseur“ (Dieter Mann) mitunter wieder verjagt werden musste.

Berlins Kulturstaatssekretär André Schmitz erinnert sich daran, dass er den Intendanten des Deutschen Theaters 1992 in seinem Büro besuchte und beeindruckt war von der großen Freundlichkeit Langhoffs. „Er hatte einen zärtlichen Blick auf uns Menschen.“ Schmitz ist es auch, der das schwierige Verhältnis zum Vater thematisiert und von der „Familie als Qual und Antrieb“ spricht, von Unsicherheit und Selbstzweifeln auf Seiten des Sohnes.

Thomas Langhoff habe als DT-Intendant nicht nur in der Tradition seines Vaters gestanden, sondern auch in der von Max Reinhardt. Besonders habe ihn, den Wessi, beeindruckt, dass er von Langhoff noch etwas über ein Bürgertum lernen konnte, das im Westen längst ausgestorben war. Dagmar Manzel singt „Irgendwo auf der Welt“, Swetlana Schönfeld, Ursula Werner und Monika Lennartz spielen zu Tränen rührend die Schlussszene aus Langhoffs Inszenierung der „Drei Schwestern“ von 1988. Gert Voss zeigt einen Ausschnitt aus dem von Langhoff eingerichteten Bernhard-Stück „Elisabeth II“.

Claus Peymann wiederum möchte noch auf etwas anderes hinweisen. Erstens, dass Langhoff sich bestens mit Fußball auskannte, zweitens, dass er Vogelstimmen unterscheiden konnte, und drittens, dass er sich nie um Kritiken scherte.

In einem der Filmausschnitte wird Thomas Langhoff nach dem 4. November 1989 gefragt, nach der von Theaterleuten organisierten Kundgebung auf dem Alexanderplatz. Er stand in der Menge, aber sein Sohn, der Schauspieler Tobias Langhoff, ergriff oben das Mikrofon. „Ich musste an meinen Vater denken. Da oben stand mein Sohn, und ich dachte an meinen Vater und fühlte mich ganz wohl in der Mitte. Es war der glücklichste Tag in meinem Leben.“ Und Thomas Langhoff fährt lachend auf dem Rad durch Berlin Mitte. Dann verschwimmt das Bild.

Als die Leinwand im Schnürboden verschwunden ist und es wieder hell wird, regt sich niemand, weder im Zuschauerraum noch auf der Bühne. Lange ist das Theater von Stille erfüllt, ein letztes Zeichen der Freundschaft.

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