Theater : Du bist der Performer

Zuschauen reicht nicht mehr: das Hamburger Live Art Festival auf Kampnagel.

Katrin Ullmann
Die im Dunkeln sieht man gut. Performance von David Weber-Krebs. Foto: Kampnagel
Die im Dunkeln sieht man gut. Performance von David Weber-Krebs. Foto: Kampnagel

„Bin ich ein Versuchskaninchen?“ Nadine Jessen und Melanie Zimmermann, die Kuratorinnen des Hamburger Live Art Festivals auf Kampnagel wiegeln ab: „Bei uns werden keine Individuen herausgegriffen und vorgeführt, die Besucher sollen eher als Gruppe agieren.“

Und dann zum Auftakt die Kaninchennummer. Unnachgiebig reicht Krõõt Juurak in „Scripted Smalltalk“ Mikrofone und Scripts ins Publikum. „Ist diese Performance vielleicht eine Art Outsourcing? Hat sie nicht genug Mitwirkende gefunden? Vielleicht nicht genug Geld gehabt? “ Sehr genau hat die junge Estin Dialoge ausgearbeitet, die sich zu einer 60-minütigen Leseperformance ausweiten. Selbstreferenziell und humorvoll lotet Juurak das Gleichgewicht zwischen Produktion und Konsum, zwischen Künstler und Publikum aus.

Den Dialog mit dem Publikum sucht auch Xavier Le Roy. Der in Berlin lebende Franzose umrahmt seine Arbeit „Low Pieces“ mit einem je 15-minütigen Publikumsgespräch. Entspannt warten die acht auf der Bühne sitzenden Darsteller auf erste Fragen. Nach einem Smalltalk mündet diese Öffnung zum Publikum tatsächlich in einem Gespräch: Es geht um Berufe, Identifikationen, Nacktheit, und es stellt sich eine Art Komplizenschaft zwischen Publikum und Performern her. Und plötzlich sind die Akteure entkleidet zu sehen. Beieinander kauernd, bewegen sie nur minimal einzelne Körperteile, wirken insektenhaft, wie von der Sonne aufgewärmte Chamäleons, wie eine mehr und mehr ineinandergreifende, feine Maschinerie.

Die Bilder sind einfach. Doch in ihrer ungeheuren Konsequenz, in ihrer fast enervierenden Langmütigkeit irritieren sie die Wahrnehmung, zeigen den menschlichen Körper als Projektionsfläche, jenseits von Perfektionismus und auch von Voyeurismus.

Die radikalste Mitarbeit des Publikums verlangt David Weber-Krebs. In seiner Arbeit „Tonight. Lights out“ vertraut er jedem Besucher eine Glühbirne an. Unter jedem Stuhl befindet sich ein verkabelter Lichtschalter. Nach einer schlicht erzählten, aber mythisch aufgeladenen Geschichte über den Religionen vereinenden Ismael beginnt der belgische Performer sein Experiment. Es gilt, alle Lichter auszuschalten, den Raum für eine erträgliche Zeit in vollkommene Dunkelheit zu tauchen. Dem Blackout gehen ein paar kurze Proben voraus. Wird das Experiment gelingen? Bin ich schon wieder Kaninchen? Wird sich komplette Dunkelheit einstellen? Wenn ja, für wie lange? Und tatsächlich: Das Dunkel stellt sich ein. Für ein paar Minuten. Dann flackern erste Lichter, verlassen einige Zuschauer den Raum, und bald geht auch der Performer. Das Ende wirkt wie ein Missverständnis, das kollektive Abenteuer jedoch war ein Erfolg.

Neben kleinen, feinen Produktionen, kommt auch dieses Festival nicht ohne spektakuläre Gäste aus: Die Berliner Choreografin Constanza Macras zeigte mit „Open For Everything“ ihrer neue, aufwendige Produktion, und das Choreografenteam von Paris is Burning präsentierte mit „(M)imosa“ eine virtuose und akrobatische Tanzrevue rund um Identitäten, Rollenbilder und Drag-Queen-Shows. Es ist flirrender Tanz von Hochleistungskörpern, großer Pathos und ein permanentes Geschlechterverwirrspiel, das Trajal Harrell auf die Bühne bringt. Bunt, laut und aus einer Nische heraus dringlich. Von Dringlichkeit wiederum ist bei der Performance des Neuen Wiener Bioaktionismus rein gar nichts zu spüren. Amanda Piña und Magdalena Chowaniec wälzen ihre fast nackten Körper in Mehl, Öl, Tomatenmark, Honig und Rote-Bete-Saft, um sich anschließend auf drei Leinwände zu werfen, wie einst bei Hermann Nitsch und den radikalen Österreichern der siebziger Jahre.

Doch ihre Kritik an den Natürlich-alles-Bio!-Zeiten funktioniert nicht. Stattdessen zeigen Piña und Chowaniec ein unkonzentriert zusammengestelltes Rohkostmenü, bei dem verschiedene Discounter-Produkte zu Brei gematscht werden. Fern von Zeremonie, Zauber und vor allem: fern von Bio.

Während des zehntägigen Festivals gab es Tanz, Filme, Lecture Performances und etliche Neuentdeckungen. Der Zuschauer wurde angeregt und angefasst und war in der Tat Versuchskaninchen. Und das sogar gern.

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