Kultur : Theater, ein Archiv

Der Trend zur musealen KonservierungWas gäben wir nicht dafür, ein Regiebuch von der Uraufführung der "Orestie" des Aischylos zu besitzen! Man könnte da herauslesen, wie das damals vor sich ging, als die Trilogie einen ganzen Tag lang am Hang der Athener Akropolis ihren Lauf über die Bühne des Dionysos-Theaters nahm.Aus dem Jahr 458 vor Christus aber wissen wir nur soviel, daß da ein gewisser Xenokles aus Aphidna die Regie führte.Oder Shakespeares "Macbeth": Die erste belegbare Aufführung der Tragödie fand am 20.April 1611 im Londoner Globe Theatre statt, soviel steht fest - lange jedoch haben sich spätere Interpreten gefragt, ob die Pförtnerszene (Akt II,3) wohl original sei oder eine Zutat der Schauspieler.Denn auch von dieser Inszenierung ist kein Probenprotokoll überliefert. Anders unser seinem Ende entgegen eilendes 20.Jahrhundert: Es dokumentiert das Theater, diese flüchtige Kunst, so fleißig in Wort und Bild, daß man sich auch im 25.oder gar 45.Jahrhundert (also in einer Zukunft, die ebenso weit vor uns liegt wie die Vergangenheit, die uns von Shakespeare oder Aischylos trennt, hinter uns) noch eine genaue Vorstellung davon wird machen können.Ein Trend zur musealen Konservierung, den erst jüngst wieder zwei Nachrichten, das deutsche, nicht zuletzt das Berliner Theater betreffend, bezeugten: die Übergabe der Nachlässe von Gustaf Gründgens und Hans Lietzau - der eine ging an die Staatsbibliothek, der andere an die Akademie der Künste.Der Erwerb der Gründgens-Papiere, für eine stolze Summe in sechsstelliger Höhe, hat dabei im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit gestanden und den Erhalt der Lietzau-Materialien überstrahlt: Künstlerpech für die Witwe des Regisseurs und Intendanten, die Schauspielerin Carla Hagen, die den Nachlaß großzügig gestiftet hat. Freilich, die Theaterwissenschaft wird ihre noble Tat dankbar anerkennen.Denn Hans Lietzau (1913-1991) spiegelt in seiner Karriere mindestens drei Kapitel deutscher Bühnengeschichte: als Oberspielleiter zunächst am Berliner Schiller- und Schloßpark-Theater in den fünfziger, darauf am Münchner Staatsschauspiel in den sechziger Jahren, schließlich als Generalintendant und Nachfolger Boleslaw Barlogs an seiner alten Wirkungsstätte von 1972 bis 1980.Mit Kleist hatte der Regisseur Lietzau, wie sich Berliner Theaterfreunde erinnern werden, mal mehr, mal weniger Glück: weniger, als er zu Beginn seiner Intendanz in Konkurrenz mit Peter Steins Schaubühne den "Prinzen von Homburg" inszenierte, mehr, als er sich von der Chefposition mit dem "Zerbrochnen Krug" verabschiedete.Die Autoren, die Lietzau mit Vorliebe inszenierte, und dann auch meist mit dem größten Erfolg, waren Barlach, Claudel und Genet, Edward Bond und Heiner Müller - Regiearbeiten, die denn auch im Nachlaß besonders reichhaltig dokumentiert sind.Die Akademie der Künste jedenfalls freut sich, daß damit ihr Archiv zur deutschen Theatergeschichte, namentlich zu der des Schiller-Theaters, hervorragend ergänzt werde: Barlog zum Beispiel hat seinen Nachlaß schon zu Lebzeiten dort in die Scheuer gebracht. Auf Schillers tintenkleckendes Saeculum ist ein farbbandverschmiertes gefolgt, worauf wiederum eines der audiovisuellen Medien folgen wird."Theater ist immer live" hieß ein Slogan, als es Berlins Staatliche Schauspielbühnen noch gab."Live", das war einmal, ist jetzt archiviert.So lebt der Mensch heute, arbeitend und speichernd, speichernd, speichernd. G.G.

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