Theater : Ein bisschen Krieg im falschen Frieden

Tragödie, Komödie? Wie das Theater mit sich selber kämpft: Ein Blick nach vorn auf die vergangene Spielzeit.

Rüdiger Schaper
Schaubühne
Berliner Schaubühne: Bibiana Beglau in der Rolle der Helene Alving und Robert Beyer als Pastor Manders in Ibsens "Gespenster".Foto: ddp

Berlin Wollte man einen Trend ausrufen, klänge das so: Das deutschsprachige Theater hat Sehnsucht nach Komödien! Im Gespräch mit Schauspielern und Regisseuren ist es immer öfter zu hören. Weil die Zeit gekommen sei, etwas grundsätzlich anderes zu machen. So schallt es aus Theaterkantinen, wo der Mut bekanntlich am größten ist.

Die Welt ist fürchterlich, Komödien müssen her! Nach Michael Thalheimers „Fledermaus“-Desaster am Deutschen Theater Berlin will es Luk Perceval diesen Sommer in einer Koproduktion der Berliner Schaubühne mit den Salzburger Festspielen versuchen, beispielhaft – vier Mal Molière an einem Abend, ein Molière-Marathon, acht Jahre nach dem legendären „Schlachten!“-Gemälde, als Perceval eine Reihe Shakespeare’scher Königsdramen kollagierte. Ein reißender Strom war das, in dem am Schluss ein sabbernder, krakeelender Tricky-Dicky Thomas Thieme (Richard III.) versank. Nun wird Thieme den geizigen, tartüffisierenden Menschenfeind Don Juan stemmen. Eine bestechende Idee, schon weil da einer aus der Routine der zweistündigen, pflichtmäßigen Regieablieferungen ausbricht.

Wird jetzt zurückgelacht? Auffallend viele Kriegsstücke, Kriegsspielereien, Sandkastenkriege waren in der zu Ende gehenden Spielzeit zu beobachten. Mag sein, dass dies immer so war. Aber das Kriegstheater sticht heraus, stinkt ab, da in den Medien jeden Tag Krieg ist. Irak, Afghanistan, Nahost, Darfur: Die Welt hat sich eingerichtet in militärischen, humanitären Katastrophen. Und das Theater? Reagiert sich an sich selbst ab …

Eine kleine Rundreise, eine Rückschau der Spielzeit 2006/07. – Wien, Museumsquartier. Ein Spektakel nach Louis-Ferdinand Célines „Norden“. Der Roman siedelt in Berlin und Brandenburg am Ende des Zweiten Weltkriegs. Frank Castorfs Bühnenversion schickt müde Krieger, Desperados, marode Varietékünstler, Flüchtlinge, Geschäftemacher in ein totes Rennen. Eine bittere Lektion, wie Theater als Raubtier abspringt und als Bettvorleger landet.

„Alles, was wir erzählen, langweilt! … die Theaterstücke, dasselbe Gähnen! und Kinos und Fernsehen … missliche Sache! was Krethi und Plethi und Prominenz wollen: Zirkus! … bluttriefende Todesstöße! … richtiges Röcheln, Foltern, mit der ganzen Arena voller Gedärme! … keine Seidenstrümpfe, falschen Titten, Seufzer und Schnurrbärte, Romeos, Kameliendamen, Hahnreie … nein! … ein Stalingrad!“

Hier spricht nicht etwa Castorf, hier schreibt Céline am Anfang des Buchs, das so schwer lesbar ist wie Castorfs Aufführung verstehbar, schon weil durchgehend gebrüllt wird, in all dem Maschinenpistolengeknatter, in Platzpatronengewittern, die die Zuschauer von Zeit zu Zeit aufschrecken. Was will er damit? Zivilisationsekel und Kulturbetriebsüberdruss dokumentieren? Offenbar steckt hinter den aktionistischen Auftritten eine latente Untergangslust. Das schlechte Gewissen, in Westmitteleuropa in einer Festung der Seligen zu leben, produziert Krawallkunst – mehr oder weniger kunstvolle Selbstverstümmelungsrituale.

Bei einer anderen Volksbühnen-Produktion im Berliner Prater verstärkt sich der Eindruck: Man langweilt sich in Sicherheit, man holt sich ein bisschen Krieg ins Haus. Jacques Palminger, ein Theater-Dilettant, rotzt „Babylon Must Fall“ herunter. Mobilmachung als Hanf-Happening, kiffende Bundeswehrsoldaten am Hindukusch?! Reggae-Rhythmen legen sich über Filmaufnahmen von Schützengräben und Sturmangriff. Die Spielplanankündigung sagt alles: „Erster Weltkrieg und DUB-Sound. Stahlgewitter-Gefühl statt Konsens und Liberalismus. Psychedelik und Humor im Stellungskrieg, eine gute Grundstimmung, mindestens so wie im Herbst 1914.“ Zynismus? Demokratiemüdigkeit? Hysterischer Historismus? Zu Beginn des Ersten Weltkriegs gab es kaum einen Künstler, der nicht vom Kampf beseelt war.

Theatertreffen Berlin. Vom Wiener Burgtheater ist Jan Bosses Shakespeare-Inszenierung „Viel Lärm um nichts“ eingeladen. Ein Kriegsstück, ein Lustspiel, vielleicht beides. Die Aufführung beginnt damit, dass Särge an der Rampe abgesetzt werden. Daraus erheben sich grinsend die männlichen Protagonisten und wollen Party machen. Das war’s. Der Krieg, ein Oberflächenreiz. Dass die jungen Typen so sind, wie sie sind, weil der Lebensgefahr, dem Gemetzel entkommen – gespielt wird das nicht. Stattdessen, nun ja, lockere Komödie.

Die erwähnten Aufführungen haben gemeinsam, dass sie in der Erinnerung schaler, ärgerlicher werden. Was auch für den Zürcher „Gott des Gemetzels“ von Yasmina Reza gilt; hinter dem martialischen Titel verbirgt sich ein Zwei-Paare-Boulevard, bei dem auch irgendwann mal die Rede von afrikanischen Massakern ist.

Niemand muss sich auf der Bühne mit Krieg und Elend beschäftigen, wenn es individuell nichts dazu zu sagen gibt; die alten dramaturgisch-politischen Reflexe dürfen ja einmal ruhen. Auch wenn sie im Moment allzu gründlich abgeschaltet sind. Welches Hauptstadttheater hat nach den rechtsradikalen Attacken auf die Schauspieler in Halberstadt auch nur Piep gesagt! Eine äußerst unangenehme Vorstellung: Auf der Bühne wird mit Waffen kokettiert – und draußen zugeschlagen!

Berlin-Neukölln, Kindl-Halle. Peter Steins zehnstündiger „Wallenstein“. Befürchtungen, es könnte sich faustische Leichenstarre wiederholen, erweisen sich als unbegründet. Obwohl es anfangs in genau diese Richtung geht. „Wallensteins Lager“ zeigt in Opernbreitwandmanier nach Art stumm schnabulierender Choristen lustige Landsknechte beim Plauschen und Zechen; Bilder von unerträglicher Harmlosigkeit. Wenn sich dann aber die Bühne leert von all dem tümlichen Volk, als die Schlachtenlenker, Intrigenspinner, Politikmacher auftreten nach und nach, geschieht etwas Bemerkenswertes. Der Raum füllt sich mit Geschichtsgegenwart. Schiller schmiedet Dolche und Legenden, Stein macht sichtbar, wie Krieg geplant, wie Kriegsgründe konstruiert und benannt werden, so lange, bis der Feldzug (oder der politische Mord) unausweichlich erscheint. Peter Fitz als Octavio Piccolomini, mit Dokumenten hantierend, drohend, Fakten erschaffend aus heißer Luft – man denkt an US-Außenminister Colin Powells Horrorshow vor den UN, von wegen Saddams „Massenvernichtungswaffen“.

Steins Regie legt solche Verbindungen nicht direkt nahe. Doch Schillers Kabinettsdramaturgie, die hier einmal wie in einer kulturhistorischen Ausstellung zu besichtigen ist, entwickelt eine erstaunliche Dynamik. Aufsagetheater, das ist es auch. Aber man verlässt den Ort nicht ärmer, trotz aller Steifigkeit der szenischen Arrangements.

Der vom Berliner Ensemble produzierte „Wallenstein“: ein notwendiger Anachronismus. Bei CNN werden irakische und amerikanische Anschlagsopfer im Minuten- und Sekundentakt der am unteren Bildschirmrand durchlaufenden Wirtschaftskurse verklappt, während nach etlichen Stunden Schiller ein Bewusstsein dafür heraufdämmert, welche Verwüstungen der Dreißigjährige Krieg im alten Europa angerichtet hat. Peter Steins Rückkehr findet deshalb einen so starken Nachhall, weil er einen Nerv trifft. Die gewaltige Anstrengung, einem globalen Stoff ernsthaft gerecht zu werden, fordert Respekt. Weckt Lust auf Stücke, die sich sinfonisch ausbreiten und sich nicht immerzu à la mode kammermusikalisch verpuppen.

Deutsches Theater, Berlin. Es war früh in der Saison, als Dimiter Gotscheff „Die Perser“ des Aischylos auf die Bühne wuchtete, die älteste überlieferte Tragödie der Weltgeschichte (472 v. Chr.). Erstaunlicherweise wurde diese erratische Produktion nicht zum Berliner Theatertreffen eingeladen, und auch die Leitung des DT stellte sich anfangs gegen Gotscheffs streng-abstrakte Ästhetik, die auf das Wort setzt, auf ein fabelhaftes Schauspielerquartett; Margit Bendokat, Almut Zilcher, Samuel Finzi, Wolfram Koch.

Krieg als Zivilisationsbruch – Theaterspiel als primäres zivilisatorisches Merkmal. Ein Dramatiker der griechischen Siegernation schaut auf die vernichtend geschlagenen Perser. Dieses Theater geht an die Wurzeln der Darstellungskunst, man höre den Bericht von den Schlachtfeldern, in Peter Witzmanns und Heiner Müllers Fassung: „Der Chryser Matallos, über Vieltausende / Befehlshaber, ist tot / Von dreißigtausend dunklen Pferden und Führer / Den feuerroten vollen schattigen Backenbart / Feuchtete er, ändernd die Haut mit purpurner Farbe. / Und Magos, der Araber, Artames, der Baktrier / Des rauen Landes Fremdbewohner, dort / Gingen sie zugrund. / Amistris und Amphistreus, den viel- / Leidschaffenden Speer / Lenkend, und der edle Ariomardes, Sardes / Leid schaffend, Seisames der Myser / Tarybis, von fünfzig fünfmal Schiffen / Der Befehlshaber, stammend von Lyrna, ein / wohlgestalteter Mann / Tot liegt er, elend, nicht sehr glücklich. / Syennesis, der erste an Hochmut / Der Kiliker Herrscher, ein Mann und sehr viel Leid / Den Feinden schaffend, wohlgerühmt / Ging er zugrunde. Soviel / Über die Anführer berichte ich nun / Von vielem, was ist, weniges Übel melde ich.“

Namen in endloser Reihe. Die Identitäten der Opfer. Und auch nur die Anführer, die Offiziere werden genannt. Gotscheffs Bühnenbildner Mark Lammert fand ein erschreckend einfaches, plastisches Bild: Die Schauspieler stemmen sich gegen eine riesige, an Richard Serras Skulpturen erinnernde Wand, verschieben den Spielraum, so lange, so besessen, bis sie verrückt werden von den Gräuelberichten, die ihnen aufgegeben sind. Es ist die Wand, mit der man sich gegen das Unerträgliche abzuschotten versucht. Der Schauspieler Finzi explodiert schier auf der Stelle. Stürzt sich, seine Figur, den untergegangenen persischen Herrscher Xerxes, das ganze Theater am Ende in lachenden Irrsinn.

Mit diesen „Persern“ spürt man heute noch das „Entsetzen und die gewaltige Rührung“ der Tragödie, wie es der Altphilologe Wolfgang Schadewaldt einmal nannte. Dass so etwas möglich ist, eine aristotelische Erschütterung, gehört zu den nachhaltigen Erfahrungen der letzten Theaterjahre. Allein die Katharsis, die Reinigung durch die Tragödie, wird nicht mehr gelingen. Es hat sie vielleicht nie gegeben.

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