Theater : Ein freier Denker in einer unfreien Welt

Nibelungen-Festspiele Worms: 2010 wird Joshua Sobols "Jud Süß“ uraufgeführt. Regie führt Dieter Wedel.

Christiane Peitz
Dieter Wedel
Dieter Wedel -Foto: dpa

Jud Süß. Schon der Titel, sagt Dieter Wedel, weckt Emotionen. Wegen Veit Harlans NS-Propagandafilm von 1940, der bis heute nur mit Begleitkommentar gezeigt werden darf. Wedel, Intendant der Wormser Nibelungen-Festspiele, will den Stoff 2010 auf die Freiluftbühne vor dem Kaiserdom bringen, als Theaterstück von Joshua Sobol. Der israelische Dramatiker, spätestens seit „Ghetto“ (in Peter Zadeks Inszenierung von 1984) für die gewitzt-gescheite Enttabuisierung von Tabu-Themen berühmt, hat gerade eine erste Fassung fertiggestellt.

Erst die Nibelungen, dann Jud Süß: Wird Wedel mit seinem Festival zum Chefentlaster für NS-kontaminierte Stoffe? Nein, meint der 66-jährige Regisseur, schon weil er sich . „Die Nibelungen“ ja nicht ausgedacht hat, sie wurde ihm angetragen. Aber die Parallele ist ihm willkommen: „Jud Süß ist ein Mythos, mehrfach falsch interpretiert und fälschlich von den Nazis für sich reklamiert. Auch der Nibelungen-Stoff war ja besetzt von den Nationalsozialisten, wegen Hermann Görings Aufforderung zur Nibelungentreue vor der Schlacht von Stalingrad.“

Jud Süß. Wer steht hinter der Legende, der antisemitischen Novelle von Wilhelm Hauff, auf der Harlans Film basiert, hinter Lion Feuchtwangers Roman und dem 1930 uraufgeführten Theaterstück von Paul Kornfeld, selbst ein Jude, der im Ghetto Litzmannstadt ermordet wurde? Eine historisch verbürgte Figur. Gestatten, Joseph Süß Oppenheimer, 1692 in Heidelberg geboren, Kaufmannssohn, Kreditgeber, Gründer von Württembergs erster Bank, Finanzberater von Herzog Karl Alexander, Wirtschaftsreformer, Neoliberaler. Als der wegen seines autoritären Gebarens verhasste Herzog stirbt, wird sein Hofjude zum Sündenbock, verhaftet, angeklagt, in einem Käfig zur Schau gestellt und am 4. Februar 1738 gehängt, ohne Beweise, aber überhäuft mit Ressentiments, vom Wucherer-Verdikt bis zum Vorwurf der Schändung minderjähriger Christinnen. Von diesem Süß handelt Sobols Stück.

„Jud Süß ist ein Freidenker in einer Welt voller Fanatismus, Fundamentalismus und Aberglauben,“ erläutert Joshua Sobol, 68, am Telefon in Israel. „Deshalb ist er dazu verurteilt, in Konflikt mit seiner Welt und seiner Zeit zu geraten.“ Die Figur beschäftigt ihn, seit er Mitte der neunziger Jahre Kornfelds Dreiakter ins Hebräische übertrug. „Jud Süß glaubt im Ernst, dass er inmitten von Finsterlingen aufklärerisch wirken kann. Er ist eine tragische Figur, ein unverbesserlicher Optimist, der die Gefahr nicht begreift. Ganz schön naiv.“ Sobol lacht: „Ich habe viel mit ihm gemeinsam, er ist mir sehr nah.“

Schwierig bei der Arbeit am Stück sei nicht die Tatsache, dass die Figur von den Nazis missbraucht wurde. Die Herausforderung bestehe darin, das Wesen dieses Mannes zu erfassen, der kein klassischer moralischer Held war. „Er glaubt an eine bessere Welt. Aber die Welt wird einfach nicht besser und ist nicht bereit, das freie Denken zu tolerieren.“

Wedel freut sich sehr, dass er Sobol für die Festspiele gewinnen konnte, nachdem schon Moritz Rinke wegen seiner unerschrockenen Neu-Dramatsierung der „Nibelungen“ ein „Glücksfall für Worms“ war. Von der Aktualität des Stoffs ist er überzeugt. „Es geht um das Aufeinanderprallen von Kulturen, um die Auseinandersetzung der Religionen, die in diesem Jahrhundert einen entscheidenden Stellenwert einnimmt. Damals galt: Egal, wie der Jude sich verhält, er geht unter.“ Ähnlich fatal findet Wedel die Lage Israels. Und was die öffentliche Vorverurteilung einer Person betrifft, der kein Fehlverhalten nachgewiesen werden kann, kommt ihm der Korruptionsskandal um Siemens und Heinrich von Pierer in den Sinn.

Wie Sobol fürchtet sich auch Wedel nicht vor der propagandistischen Erblast von „Jud Süß“. Wegen der veränderten Perspektive. „Aus heutiger Sicht ist die unsympathischste Filmfigur der aufrechte Deutsche, ein antisemitischer Widerling.“ Und wo bleiben die Nibelungen ab 2010, nachdem die Heldensaga seit 2002 von Rinke bis Hebbel in vielen Varianten durchgespielt wurde und der Stoff ausgelotet ist? Das Festival, verspricht der Intendant, bleibt den Nibelungen treu. 2009 wird John von Düffels Satyrspiel „Das Leben des Siegfried“ uraufgeführt, 2010 wird es außer „Jud Süß“ vor dem Dom im fertiggestellten Wormser Theater kleinere Nibelungen-Stücke geben, etwa „Die Küche“ von Maxim Kurotschkin. 2011 ist zur Eröffnung der Festspiele das Musical „Der Drachentöter“ geplant.

Worms, Hauptstadt der Revision deutscher Legenden: Ein Stück über den großen Reformator Martin Luther, das geht Dieter Wedel auch noch durch den Kopf.

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