Theater : Eine möblierte Dame

Dominique Horwitz verkörpert in Doug Wrights Stück "I Am My Own Wife" Charlotte von Mahlsdorf. Die Broadway-Sensation ist erstmals in Deutschland zu sehen.

Patrick Wildermann
Dominique Horwitz
Dominique Horwitz als Charlotte von Mahlsdorf. -Foto: ddp

Doug Wright hätte es sich nie träumen lassen, dass er eines Tages von einem ostdeutschen Transvestiten mit einer Obsession für alte Möbel in den Bann gezogen werden würde. "In der Rückschau ergibt es durchaus Sinn“, scherzt er, "auch mein Vater hatte ein Faible für Antiquitäten – manchmal habe ich in Charlotte von Mahlsdorf die Transvestiten-Version meines Dads gesehen.“

Es war sein alter Freund John Marks, ein amerikanischer Journalist in Berlin, der ihn Anfang der 90er Jahre in New York anrief und von einer schillernden Figur erzählte, die Doug unbedingt kennenlernen müsse: ein gewisser Lothar Berfelde, genannt Charlotte von Mahlsdorf, der das Gründerzeitmuseum ins Leben gerufen und der sowohl den Nazis als auch den Kommunisten auf Stöckelschuhen getrotzt hatte. Wright erinnert sich noch genau an die erste Begegnung. Wie Johns Auto in den Hultschiner Damm einbog, wie Charlottes Silhouette in der Tür des Gründerzeitmuseums sichtbar wurde, an das wallende weiße Haar: "Sie sah aus wie eine Figur der Gebrüder Grimm.“ Es dauerte nicht lange, bis der Dramatiker herausfand, dass die Mahlsdorf tatsächlich zwei Sammlungen unterhielt: Eine mit Gründerzeitstücken, eine mit Anekdoten über ihr Leben. "Sie hat beide mit derselben Hingabe poliert und gepflegt.“ Wright wusste, er muss ein Stück über sie schreiben.

Eine "One-Woman-Show für einen Mann“ nennt Doug Wright sein Stück. Dominique Horwitz spielt Charlotte von Mahlsdorf am Renaissance-Theater, in der deutschen Erstaufführung des Broadway-Erfolgs „I Am My Own Wife“, der in Amerika so ziemlich jeden Preis abgeräumt hat, darunter den Pulitzer. Auf Deutsch heißt es „Ich mach ja doch, was ich will“. Der Titel „Ich bin meine eigene Frau“ ist von Charlottes Autobiografie und einem Bühnenstück von Peter Süß belegt, hinter den Kulissen toben noch heute die Kämpfe um Deutungshoheit und Nachlassrechte. Charlotte von Mahlsdorf ist nicht zuletzt ein Markenname.

Szenenapplaus, als sich der Vorhang hebt. Vasilis Triantafillopoulos hat eine Hommage ans Gründerzeitmuseum gebaut, detailverliebt ausgestattet, Sofas, Vertiko, Regulator. Berliner Originale kommen immer an. Horwitz, in Rock und Bluse, walzt darin die Lebensgeschichten aus wie Charlotte ihre geliebte Offenbach-Musik auf dem Edison-Phonographen. Torsten Fischers Inszenierung ist tatsächlich eine Museumstour, Anekdoten werden wie Preziosen hinter Glas vorgeführt. Verführerisch sind sie, keine Frage. Die Mahlsdorf wusste zu bezaubern. Wright erzählt, wie sie bei einer Lesung irgendwo im Osten den Gastgeber, Besitzer einer Reifenfirma und nicht unbedingt der Transvestiten-Sympathie verdächtig, zum Handkuss hinriss. Für Wright war die Mahlsdorf auch Ikone, ein ungeschriebenes Kapitel schwuler Geschichte. Als junger Homosexueller in Texas aufzuwachsen ist nicht leicht, es fehlten ihm immer Vorbilder. Und hier war dieser Mann, der in zwei Diktaturen offen Frauenkleider trug und wenn schon nicht Leben, so doch Möbel rettete.

Horwitz als Mahlsdorf erzählt die Räuberpistole von der Ermordung des verhassten Vaters mit dem Nudelholz. Und dass sie zur Nazizeit, mit blondem Haar und Mutters Mantel, "Freiwild wie die Juden“ war. Manchmal merkt man dem Horwitz die Distanz an. Wie er zeigen möchte, dass er klüger ist, als diese seltsame Figur es wohl war. "Sie hatte einen Hang zum Dramatischen“, sagt Wright mit mildem Lächeln. "Und definitiv keine Angst davor, zu übertreiben.“

"Sie haben die Akte eines Bespitzelten erwartet, nicht wahr?“, hört John Marks im ehemaligen Ministerium für Staatssicherheit. „Sie werden überrascht sein, dass es die Akte eines Informanten ist.“ Wright durchlebte ein Wechselbad der Gefühle. Seine Heldin – ein Spion. Der Dramatiker in ihm aber hat jubiliert. Da war sie, die Fallhöhe. Die Shakespeare-Dimension seines Stoffes.

Die Bühne ist nun, nach der Pause, fast leer – die Möbel zu einem Haufen unter Tüchern gestapelt. Und Horwitz brilliert. Er spielt die schwarze Witwe, die Trümmerfrau. Wie er der Stimme des verratenen, inhaftierten Sammlers Alfred Kirschner den letzten Trotz des Gebrochenen verleiht, ist von berührender Wucht.

Die Mahlsdorf hatte auch dazu eine herzzerreißende Geschichte parat. Nur Lüge? Doug Wright ist überzeugt, dass sie an ihre Legenden geglaubt hat. Sein begeisterndes Stück lässt Leerstellen zu. Manchmal, heißt es am Ende in Charlottes Worten, sollte man kaputte Möbel nicht restaurieren. Auch das, was fehlt, erzählt viel. Gewaltiger Jubel.

Bis 10. Dezember, Termine unter www.renaissance-theater.de

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