Theater : Eröffnung des Theatertreffens mit Jelinek

Regisseurin Karin Beier hat drei Stücke von Elfriede Jelinek zu einer Monumentaltrilogie zusammengefügt. Wie immer wird das Eröffnungsstück vom Publikum zerrissen.

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Angestrengt vom Hocker. Caroline Peters in „Das Werk/Im Bus/Ein Sturz“.
Angestrengt vom Hocker. Caroline Peters in „Das Werk/Im Bus/Ein Sturz“.Foto: dpa

Das Theatertreffen beginnt am Freitag um viertel nach sieben. Die Kastanienbäume vor dem Haus der Berliner Festspiele stehen in voller Blüte, während Bernd Neumann, Staatsminister für Kultur und Medien, im Inneren des Hauses eine kurze Rede hält und vorher mit sibyllinischem Lächeln sagt: „Sie sind ja wegen der Inszenierung hier.“ Als erstes dankt Neumann dem Leiter der Berliner Festspiele, Joachim Sartorius, der nach zehn Jahren bekanntlich aufhören wird, und Iris Laufenberg, der Leiterin des Berliner Theatertreffens, die ebenfalls geht. Dann hält er seine Rede. Sie ist wirklich sehr kurz. „Immer wieder höre ich die Frage: Brauchen wir alle 150 deutschen Theater, die mit öffentlichen Mitteln finanziert werden? Meine Antwort lautet. Ja. Ja. Ja. Denn sie sind Leuchtpunkte.“

Erleichterter Applaus der Gemeinde, dann Vorhang auf für die erste der bemerkenswerten Inszenierungen. Drei Stücke von Elfriede Jelinek, die von Regisseurin Karin Beier zu der Monumentaltrilogie „Das Werk/Im Bus/Ein Sturz“ zum Monumentalthema „Die ausgebeutete Natur schlägt zurück“ montiert wurden.

Ein nackter schwarzer Raum, in dem ein paar Tische verteilt stehen. Männer in Business-Grau verrichten stumm Schreibtischarbeit, während sich die Frauen chorisch oder allein, mit oder ohne Mikrofon, mit ironischem Augenzwinkern oder ohne, durch Jelineks Textkorpus kämpfen und dabei immer wieder Wasser aus herumstehenden Flaschen trinken. Es geht um die Ausbeutung und den Tod von Arbeitern während eines Kraftwerkbaus in Kaprun.

In Wirklichkeit beginnt das Theatertreffen 2011 erst zwei Stunden später. In der Pause, im Foyer, mit dem rituellen Zerrupfen der Eröffnungsinszenierung, mit dem üblichen hauptstädtischen Snobismus: Was in Köln vom Hocker haut, muss es in Berlin noch lange nicht. Erste Dame: „Also mich lässt das völlig kalt. So aufgesetzt.“ Zweite Dame: „Marthaler hier. Schleef dort.“ Dritte Dame: „Aber der Auftritt der toten Seelen, der Männerchor. Sehr beeindruckend.“ Erster Herr: „Ist schon toll, wie die Elfriede Jelinek mit Sprache umgeht.“ Zweiter Herr: „Der spektakuläre Teil, das Fluten der Bühne kommt ja noch!“

Kurzum: Karin Beiers Panorama, das schließlich nach Köln und ins Verleugnungszentrum nach dem Einsturz des Stadtarchivs führt, ist eine gute Eröffnungsinszenierung. Ein voller Bauchladen, in dem für jeden etwas zum Aufregen, Abarbeiten oder Tollfinden dabei ist. Brackige Wassermassen, die aus dem kollektiven Unbewussten hochsprudeln. Feiner Sand, der mit apokalyptischer Poesie von der Decke rieselt. Charlie-Chaplin-Slapstick, sehr wilder und schrecklich peinlicher Ringkampfsex zwischen einer braunverschmierten Erdfrau und einem blaugeölten Wassermann.

In der Getränkeschlange steht der sympathische Kollege aus Schweden, wie jedes Jahr ist er ganz in Schwarz gewandet, wie jedes Jahr ist er allerbestens gelaunt. „Sehr stark“, sagt er einfach nur und rückt einen kleinen Schritt vor. Man muss sich ihn als glücklichen Menschen vorstellen.

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