Kultur : Theater: Ex und Pop

Rüdiger Schaper

Wie heißt die Freundin des Regieassistenten? Wie alt ist der Kantinenwirt? Fährt der Intendant Porsche oder Golf? Und warum gibt es bei Frank Castorf keinen Kartoffelsalat mehr? Das sind Fragen, die uns im Theater schon immer bewegten - existenzielle Verwerfungen, die jederzeit eine Debatte auslösen und uns um die Ohren fliegen können. Warum schlafen die Schauspieler bei Marthaler immer ein? Wer führt Peter Steins "Faust"-Pudel Gassi? Wann gibt es im Theater wieder einen richtig guten Witz?

Jetzt vielleicht. Weil die ewig unergründliche Jury des Theatertreffens gleich vier Wiener Inszenierungen nach Berlin eingeladen hat, darunter zweimal Bondy und einmal Zadek, versucht die "Süddeutsche Zeitung" eine Debatte vom Zaun zu brechen, nach dem Motto: Die Zukunft haben wir hinter uns, es droht das neue Biedermeier! Achtung Altmeister! Vorsicht Restauration! Alte, etablierte Regisseure machen langweiliges Theater. Und die Jungen werden ausgebremst: Die Welt als Wille und Feuilleton.

Womöglich leidet manch ein Münchner Kritiker an Entzugserscheinungen. Das Bayerische Staatsschauspiel und Münchens Kammerspiele liegen in einem langen Winterschlaf, den Frank Baumbauer und Dieter Dorn erst in der nächsten Spielzeit beenden mögen. Aber natürlich geht die Debatte tiefer, weit über lokale Angelegenheiten hinaus. Der Wiener Boom muss ja irritieren. Das Burgtheater scheint verrückt geworden: Ausgerechnet das altehrwürdigste Institut des deutschsprachigen Theaters legt eine Erfolgsserie hin, die ihr Beispiel sucht. Plötzlich sind Schauspieler wieder im Mittelpunkt, geben Regisseure den Ton an, die ihre Pop-Phase lange hinter sich haben, hören wir wieder zu. Und staunen: Tschechow geht zur Not auch ohne Video.

Man darf daran erinnern: Nie gab es einen vehementeren Stücke-Zertrümmerer als Peter Zadek. Selbst Frank Castorf (vor seiner halb-klassischen Phase) nahm sich dagegen eher gediegen aus. Das Beispiel Zadek lehrt, dass Regietheater stets das Theater der Schauspieler und einer produktiven, innovativen Dramaturgie war. Und wie steht es um das Pop-Theater, das nun vom bösen Biedermeier aufgerollt wird? Es führt Rückzugsgefechte. Und uralte Debatten.

Pop ist und war erst einmal Mainstream, Kommerz und Mode. Eine Mode von gestern und nicht automatisch ein attraktives Geschäft, wie sich an Tom Strombergs Programm für das Deutsche Schauspielhaus Hamburg zeigt. Wird es Elisabeth Schweeger demnächst in Frankfurt ähnlich schwer haben? Und wieso scheint es dem neuen Intendanten Wilfried Schulz in Hannover und auch Michael Schindhelm und Stefan Bachmann in Basel besser zu gelingen, den Pop vor dem Flop zu bewahren?

Wenn die Anzeichen nicht trügen, haben wir es im Augenblick tatsächlich mit einer "neuen Unübersichtlichkeit" zu tun, wie die "Süddeutsche" klagt. Nur: Etwas Besseres kann gar nicht passieren. Falls wir nicht schnell das Theater-Genom herausfiltern, das uns den Idealtypus des Regisseurs und Intendanten klonen lässt, müssen wir mit allem rechnen. Alte Knacker machen tolle Aufführungen, und junge Helden stimmen Schwanengesänge an. Und vielleicht auch mal wieder umgekehrt. Am Ende steht dann die Mutter aller Debatten: um gutes Theater oder schlechtes Theater. Abend für Abend.

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