Theater : Freakshow der lustigen Nazis

Streng an Bruno Ganz' Hitler orientiert: "Captain Berlin vs. Hitler" im Hebbel am Ufer.

Patrick Wildermann

Die Frage lautet schon lange nicht mehr, ob man über Hitler lachen darf. Sondern, ob man es unbedingt muss. Als totale Provokation wird in linksaufgeklärten Kreisen ja vielmehr eine ernsthafte Darstellung begriffen, wie sie Bruno Ganz in „Der Untergang“ von Oliver Hirschbiegel versucht hat. Die verleitete einen Josef Bierbichler zu der Mutmaßung, wer in so einem Film spiele, der wäre wohl auch bei den Nazis mitmarschiert. Und einen Dani Levy zur müden Komödienreplik „Mein Führer“ mit Helge Schneider als Diktator in Turnhosen.

Wenn der Splatterfilmer und Horrorhumorist Jörg Buttgereit („Nekromantik“) also im Vorfeld der Premiere seiner Superhelden-Extravaganza „Captain Berlin vs. Hitler“ am Hebbel-Theater in selbstzufriedener Ironie erzählt, man habe sich „streng an Bruno Ganz’ Hitler orientiert“, dann bewegt er sich bereits im breitesten Mainstream der vermeintlichen Gegenkultur. Und so sieht der Abend dann auch aus.

Eine Zirkuskuppel unter Naziemblem (Bühne: Claus Rudolf Amler) kündigt die Freakshow an, die Buttgereit – geschult an zig Monster-B-Movies und amerikanischen Vierziger-Jahre-Comics wie „Captain America“ – im Sinn hat. Und die dann tatsächlich nicht trashig wirkt, sondern eher wie Roland Emmerichs „Godzilla“-Verfilmung: zu groß geraten und blutleer. Über ein paar grellkomische Momente kommt der Plot, den der Regisseur aus Versatzstücken des eigenen Schaffens montiert – etwa aus frühen Super-8-Filmen und einem späteren WDR- Hörspiel – nicht hinaus.

Berlin im Jahre 1973: Die Gruseldoktorin Ilse von Blitzen (Claudia Steiger als gestiefelte Nazikatze) hat Hitlers Hirn gerettet, ein niedliches „Mars Attacks!“- Püppchen mit Stielaugen, das von Rafael Banasik im gängigen Knarzidiom gesprochen wird. Graf Dracula (Adolfo Assor als Bela- Lugosi-Wiedergänger) soll es per Biss wiederbeleben, weigert sich aber, weil er als Transsilvanier Sozialist ist. Also schraubt Blitzen das Hirn auf einen Roboterkörper. Superheld Captain Berlin (Jürg Plüss mit Bär auf der Brust) muss die finsteren Pläne durchkreuzen und nebenbei seine Tochter Maria (Sandra Steffl) aus den Fängen des Vampirs befreien.

Viel technischer Zauber wird da betrieben, aber die Dramaturgie ächzt. Und als Verwitzlung des Führers mit den Mitteln des Trivialmythos rennt die Inszenierung sowieso offene Türen ein und erinnert daran, dass kürzlich Michael Herbig stolz für sich reklamierte, in der „Bullyparade“ die ersten Hitler-Sketche etabliert zu haben. Gen Ende heißt es hier: „Der Geist Adolf Hitlers hat wieder einmal überlebt.“ Es klingt wirklich wie eine Drohung. Patrick Wildermann

Wieder heute und am 14. November

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