Theater : Fürst der Gegenwartslosigkeit

Weg aus dem Hier und Jetzt: Filmregisseur Christian Petzold inszeniert Schnitzlers "Der Einsame Weg" am DT Berlin.

Andreas Schäfer
Hoss Foto: Lieberenz/bildbuehne.de
Ein Paar, kein Paar. Nina Hoss als Johanna, Ulricht Matthes als Stephan von Sala in Schnitzlers Drama. -Foto: Lieberenz/bildbuehne.de

Wo geht der Blick hin? Nach unten oder nach oben? Für Arthur Schnitzler, den Wiener Arzt und Autor des Stücks „Der einsame Weg“, in dem drei gealterte Künstlerfastfreunde am Ende ihres Illusionierens angekommen sind, führt er nach unten: „in die Tiefe...ins Dunkle.“ Und so kühl, wie Ulrich Matthes den Dichter Stephan von Sala und also das Alter Ego Schnitzlers spielt, könnte man auch sagen: in die kalte Stille eines Bunkers.

Kollege Hugo von Hofmannsthal fühlte sich dagegen von dem Stück, das 1904 am Deutschen Theater uraufgeführt wurde, irgendwie nach oben geführt, in eine Atmosphäre des „Geistig-Gespenstischen“ – und so wie Nina Hoss die sehnsuchtskranke, ewige Tochter Johanna gibt, so spielerisch entrückt, so traumverloren vage lächelnd, könnte man auch sagen, in die tröstende Höhe eines märchenhaftes Todesschlosses.

Ob nach unten oder oben ist einerlei - Hauptsache, der Blick führt weg. Weg aus dem Hier und Jetzt und damit immer am anderen vorbei. Alle Figuren in Schnitzlers großartigem Dekadenzstück, das ursprünglich „Egoisten“ heißen sollte, sind Gegenwarts- und damit Verantwortungsflüchtlinge. Sie kommen zwar im bürgerlichen Haus des Kunstprofessors Wegrat zusammen, wo dessen Frau Gabriele bald sterben wird. Aber eigentlich waten sie die ganze Zeit durch ein ungefähres Nirgendwo. Wegrat flieht gedanklich in seine Jugend, wo sich „die Welt noch auftat“. Exmalerfürst Julian Fichtner rechtfertigt wortgewaltig seine Fehltritte, nachdem er Wegrats Sohn Felix offenbart hat, dass er dessen leiblicher Vater ist. Und der zu Reichtum gekommene Schriftsteller Stephan von Sala plant – wie um 1900 in Mode –, an einer abenteuerlichen Forscherexpedition ins ferneBaktrien teilzunehmen, um wenigstens über die Archäologie etwas Realität unter die Füße zu bekommen.

Gegenwart – was soll das sein, fragt Sala einmal. „Ist nicht auch dein Eintritt in diesen Garten schon Erinnerung, Johanna? Dein Schritt über diese Wiese ist doch gerade so vorbei wie der Schritt von Wesen, die längst gestorben sind.“

Als klar war, dass der Filmregisseur Christian Petzold, dessen letzter Film „Jerichow“ gerade für den Deutschen Filmpreis nominiert wurde, zum ersten Mal am Theater inszenieren wird, schlug ihm DT-Intendant Oliver Reese Stücke von Ibsen und Strindberg vor. Was nahe liegt, denn man kann Christian Petzold für einen Gesellschaftsanalytiker halten. Aber nicht nur. Petzold ist auch Metaphysiker. Als solcher wählte er Schnitzlers „Der einsame Weg“. Und als solcher gelingt ihm bei seinem Theaterdebüt ein beeindruckend konzentriertes, stellenweise todtrauriges Requiem, bei dem die nackte Verzweiflung über das Verstreichen der Zeit und die Unfähigkeit, da, also im Moment, anwesend zu sein, förmlich mit Händen zu greifen ist.

Auf der Bühne öffnet sich ein simpler, rätselhaft von hinten beleuchteter Kubus. Der Kubus verjüngt sich zum Hintergrund, wo die ganzen zwei Stunden lang eine Filmstill zu sehen ist. Das Urban-Krankenhaus im Abendlicht, davor das spiegelnde Wasser des Kanals. Schwäne gleiten, Möwenschwärme flattern vorbei (Bühne Henrik Ahr). Von diesem romantisch-unwirklichen Ort her treten die Figuren auf, dorthin gehen sie auch wieder ab, als entstiegen sie und verschwänden in einem Gemälde. Das Unwirkliche und Leere der Bühne schafft allerdings nichts Verniedlichendes, es passt nur zu der auf die Ferne gerichteten Sehnsucht und der Projektionssucht der Figuren. Die haben im Stück immer dann die stärksten Augenblicke, wenn sie Erinnerungsbilder beschreiben.

Der Anfang ist holprig: Nina Hoss und Alexander Khuon als ihr Bruder Felix staksen noch wie aufgezogene Marionetten durch die Leere. Die Stille ist noch so bedeutungsaggressiv, als müsse der Boden zu den Strömungen des Subtextes erst einmal mit Gewalt aufgebrochen werden. Aber spätestens mit dem Auftritt von Ulrich Matthes ist der Abend auf seiner Höhe. Reduktion, Langsamkeit, intensive Blicke – Petzold schafft mit seinen vom Film bekannten Mitteln auch auf der Bühne etwas Ungewöhnliches: Die Vergegenwärtigung des Gefühls von Gegenwartslosigkeit.

Und der Fürst dieses Leiden heißt Stephan von Sala. Seine junge Frau, sein Kind sind gestorben, ob seine Schroffheit daher kommt, bleibt fraglich. Matthes gibt diesem Distanzfanatiker, der aus einer Laune heraus Johanna einen Heiratsantrag macht, die analytische Schriftstellerungerührtheit eines Ernst Jünger. Mit sadistischer Ruhe zieht er die Lederhandschuhe des Weltekels an und wieder aus, während er seine großen, wie aus den Tiefen einer Abgrunds hervorstierenden Augen auf seine verlachten Mitspieler legt. Man kann das Krachen förmlich hören mit dem seine Selbstherrlichkeit zusammenfällt, als er von seinem bevorstehenden Krebstod erfährt – um sich in einem fulminanten, herzzerreißenden, von sich selbst angewiderten Monolog schließlich die Gentleman-Maske herunterzureißen, hinter der die Fratze des Menschentrinkers zum Vorschein kommt.

Gegen Matthes’ Konzentration bleibt Ernst Stötzner schwach. Zu routiniert nuschelt er die Selbstgerechtigkeit des abgehalfterten Bohemiens Julian herunter. Manieriertheiten entblößt Petzolds Arbeitsweise der Großaufnahme sofort. Dagegen haben die Exaltiertheiten von Almut Zilcher Methode. Bei ihr bleibt hinter der Pose der abgewrackten Schauspielerin Irene Herms immer die Panik der kinderlos geblieben Frau sichtbar.

Johanna ertränkt sich, von Sala bringt sich um. Und der Nähe-Hunger von Irene Herms ist so unermesslich, dass sie sich im letzten Bild Felix als Möchtegern-Mutter an den Hals wirft. Während im Hintergrund weiterhin Schwäne zeitvergessen übers Wasser gleiten.

Wieder am 20. und 22. März sowie am 5., 11., 12., und 19. April.

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