Theater : Geiseln statt Kaviar

„Putin hat Geburtstag“ im Potsdamer Otto-Theater

Patrick Wildermann

Ob dieser Mord ein makabres Geschenk sein sollte, konnte bis heute nicht geklärt werden, ebenso wenig, wer ihn verübt hat. Tatsache ist, dass die kremlkritische Journalistin Anna Politkowskaja, Mitarbeiterin der „Nowaja Gaseta“, am 7. Oktober 2006 erschossen wurde, als Putin seinen 54. Geburtstag feierte. Zar Putin, wie die Politkowskaja ihn nannte, zeigte sich selbstredend bestürzt, spuckte seiner Gegnerin aber auch ins Grab hinterher: „Ihr politischer Einfluss im Lande war nicht sehr groß. Sie war eher bekannt in Menschenrechtskreisen und westlichen Massenmedien.“

Am Hans-Otto-Theater in Potsdam will man das nicht so stehen lassen. „Putin hat Geburtstag“ heißt das Stück, das Anna Politkowskaja zum ersten Todestag ein Denkmal setzen und gleichzeitig dem russischen Präsidenten den 55. verderben soll. Hausregisseurin Petra Luisa Meyer hat dieses Requiem als Collage aus Zitaten und Schicksalsberichten selbst geschrieben und mit dem Betroffenheitsfuror der Gerechten inszeniert. Einer mundtot gemachten Oppositionellen möchte sie die Stimme zurückgeben – der Abend indes wirkt gespenstisch.

Ein Moderator, von Tobias Rott zynisch hingeschmiert, lässt das Publikum zu Beginn „Happy Birthday“ singen und animiert zu Steh-auf-Mätzchen, die nur eine wackere Zuschauerin mit dem Ruf verweigert: „Ich weiß, worum’s geht, für Putin erheb ich mich nicht!“ Sagenhaft, da wird das Dilemma einer Konsensveranstaltung offenbar, bei der vorab alles klar ist. Andreas Herrmann als Putin und Roland Kuchenbuch in der Rolle des Gerhard Schröder führen entsprechend plakativ zwei männerbündische Gaspromis an der Champagnertafel vor, wobei natürlich auch das Kompliment vom „lupenreinen Demokraten“ fällt, das Meyer mit den Waffen des allzeit empörungsbereiten Agitprop-Theaters ad absurdum zu führen versucht.

Die Regisseurin als Partyschreck: Statt einer Stripperin steigt ein Soldat (Alexander Weichbrodt) aus der Torte und kündet – in Worten aus „Die Farbe des Krieges“ von Arkadi Babtschenko – von den Gräueln in Tschetschenien. Statt Kaviar wird Putin das Geiseldrama von Beslan aufs Brot geschmiert, Carmen-Maja Antoni und Tochter Jennipher spielen Großmutter und Mutter zweier getöteter Kinder. Herzzerreißend, sicher. Und klug, mutig die Analysen der Politkowskaja, hier als heilige Anna von Rita Feldmeier gegeben, die der Putin-treuen Gesellschaft die Krankheit Paternalismus attestierte. Etwas ist faul im Staate Russland, aber bei Meyer, die Pathos-Soundtrack und Leichensäcke aus dem Schnürboden auffährt, riecht es nur nach sauberer Gesinnung. Patrick Wildermann

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