Kultur : Theater goes Cinemascope: Wirklichkeit? Gibt es nicht.

Christoph Funke

Sie sind hoch begabt und weltvergessen. Sie sind liebenswert und verrückt. Federico Fellini schickt in seinem Film "Schiff der Träume" eine Schar von Künstlern auf den Ozean - Sängerinnen, Sänger, Intendanten, Musiklehrer, begleitet von Gönnern und dem kindischen Großherzog, von Politikern, Journalisten und Geheimdienstleuten. Eine Gesellschaft geht zu Schiff, "eines Julimorgens im Jahre 1914", eine Gesellschaft, die es schon nicht mehr gibt.

In der Tat: Eine Leichenfeier soll abgehalten werden. Es gilt, die Asche der großen Sängerin Edmea Tetua ins Meer zu streuen. Deshalb finden sich die Berühmtesten der Berühmten zusammen - aber davonkommen werden sie nicht, schon fahren die Schlachtschiffe auf. Oder ist die ganze Reise mit dem Ozeandampfer "Gloria N." nur ein Traum, eine Phantasterei?

Fellini lässt sich nicht packen. Er verteidigt das Geheimnis der Kunst. Er liebt das hinreißend bunte Opernvölkchen - und schickt es ins Vergessen. Seine Vokalakrobaten sind dazu da, das Leben wegzureißen aus den Niederungen des Alltäglichen, aber die Sopranistinnen und die Tenöre wissen nicht, was Leben ist. Einen großen Untergang sollen sie haben, einen mit Pulver, Blei und Feuer - und dann ist erstmal Krieg.

"Schiff der Träume" ist ein Film der traurigen, der listigen Verführungen. Wirklichkeit gibt es nicht, jede erzählte Geschichte bedeutet mehr als sie selbst, die Figuren schweben in einem unbestimmbaren Raum. Fellini zeigt, wie ein Film gedreht wird, dieser Film, der sich aus stummem Schwarzweiß in glühende Farben emporhebt und zum Schluss wie erschöpft wieder zurücksinkt, ins "Plastikmeer" und ein mit Technik vollgestopftes Atelier.

Was geschieht, wenn solch magisch-ironisches Spiel auf die Theaterbühne kommt? Wolfgang Engel setzt in Leipzig auf eine ebenso werktreue wie lebendige eigene Schöpfung. Zu Beginn dürfen die Zuschauer dem Aufmarsch der Reisenden durchs geschmückte Foyer beiwohnen, dann werden sie auf der Drehbühne der Magie der Bewegung ausgesetzt. "Gloria N.", das Luxusschiff, ist nun überall - Kabinen und Speisesaal, Deck und Küche und Maschinenraum. Erzählt wird über Liebe und Eifersucht, über Erfolge und Niederlagen, über die Begegnung der Erwählten mit den "Unteren" - Heizern, Köchen - und, plötzlich auch, mit serbischen Flüchtlingen. Es wird schmetternd gesungen und ein Huhn in den Schlaf versetzt, und auch ein mitreisendes, liebeskrankes Nashorn darf bestaunt werden.

Mit dem Ensemble, das sich als geradezu musiktrunken erweist, baut Engel in verschwenderischer Fülle Theater auf. Alles greift ineinander: Bühne (Franz Koppendorfer), Kostüme (Katja Schröder), Musik (Thomas Hertel/Jens-Uwe Günther), Choreografie (Werner Stiefel), Maske (ein Team von neun Mitarbeitern) und die Technik. Die Leipziger zeigen, wie Theater träumen kann, wie es in Bildern zu schwelgen vermag. Und doch: Dieses "Schiff der Träume" im Bühnenhaus hat das Unsicher-Beängstigende, das Visionäre des Fellini-Films nicht. Ob die Reise die Möglichkeiten hoch begabter Menschen feiert oder ad absurdum führt - die Frage wird nicht gestellt. Wehmütiger Abschied von aller Kunst und Lebenskunst bei Fellini oder doch eine tapfere, wenn auch melancholische Behauptung des Schöpferischen? In Leipzig wird einfach gespielt: hinreißend perfekt.

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