Theater : Gott ist ein Türsteher

Jan Bosse inszeniert Kleists "Amphitryon" im Maxim-Gorki-Theater: Sosias wirkt wie aus einem Lenny-Kravitz- Ähnlichkeitswettbwerb, Merkur verströmt das schwer gelangweilte Allmachtsbewusstsein eines Club-Rausschmeißers.

Christine Wahl

Sosias, der kopflahme Diener des Feldherren Amphitryon, muss ein leidenschaftlicher Kravitz-Fan sein. Einer mit starkem Identifikationsdrang. Auch eine Möglichkeit, Identitätsprobleme zu kanalisieren: Ganzkörperschwarz geschminkt und mit Afroperücke über der Sonnenbrille schleicht Sosias (Robert Kuchenbuch) tatsächlich wie in einem Lenny-Kravitz-Doppelgängerwettbewerb über die Szene, um die triumphale Rückkehr seines Chefs bei dessen Gattin Alkmene anzukündigen. Leider steht aber schon ein anderer Lenny vor deren Tür: Merkur, der seinem Vorgesetzten Jupiter den Rücken freihält. Jener brauchte mal einen One-Night-Stand, ist auf die schöne Feldherrengattin verfallen und musste wegen deren monogamer Lebensweise dafür seinerseits in Amphitryons Gestalt schlüpfen.

Merkur (Michael Klammer) macht sich als Türsteher großartig. Mit dem schwer gelangweilten Allmachtsbewusstsein eines Club-Rausschmeißers kanzelt er Sosias ab. Klammer und Kuchenbuch sind zum Totlachen: Okay, nicht ganz unproblematisch, aus heiterem Himmel auf einen Doppelgänger zu stoßen, tönt es frohgemut aus dieser Szene, aber irgendwie doch wahnsinnig amüsant. Davon, dass Sosias bei alledem absturzgefährdet über Abgründe balanciert, die Bühnenbildner Stéphane Laimé vor Amphitryons bis auf zig leuchtende Glühbirnen leeren Salon gebaut hat, sollte man sich jedenfalls nicht irritieren lassen: In Jan Bosses „Amphitryon“-Inszenierung am Maxim-Gorki- Theater ist die Krux mit dem Ich eine lustige Angelegenheit. Und wenn doch mal kurzzeitig reingefallen wird ins gähnende Wer-bin-ich-Loch, hüpft man mit einer tollen Pointe oder einem gekonnten Tanzschritt ganz schnell wieder raus.

Mit Heinrich von Kleists existenzieller Verunsicherungskomödie hat Jan Bosse seinen Einstand als neuer Hausregisseur des Maxim-Gorki-Theaters gegeben. Und tatsächlich ist es ein geradezu exemplarischer Bosse geworden; mit allem Für und Wider. Einerseits hat der sanfte Klassiker-Vergegenwärtiger aus einigen Schauspielern Facetten herausgeholt, die man bis dato noch nicht mal ahnte, sich intelligent und sensibel der Kleist’schen Sprache genähert und vor allem jedwede altväterliche Verklemmung vermieden. Die Abwesenheit spießiger Schlafzimmerschlüssellochfrivolität ist ebenso wohltuend wie die Tatsache, dass beispielsweise Sosias’ Gattin Charis (Hilke Altefrohne) nicht die geil-schrullige Betriebsnudel mit Running-Gag-Potenzial, aber ohne jede erotische Erfolgsaussicht geben muss, sondern einfach eine Frau sein darf, der – soll ja vorkommen – Sex offenbar mehr Spaß macht als ihrem Mann.

Was dafür allerdings fast vollständig auf der Strecke bleibt, ist die Fallhöhe: Die von den Kleist’schen Existenzialkämpfen im Grunde am schwersten gebeutelte Figur, Anja Schneiders Alkmene, sieht wie Heike Makatsch aus und geht noch aus der fundamentalsten Verunsicherung erstaunlich unbeschadet hervor. „Ach“ klingt hier eher nach „herrje“; und überhaupt: Ihre kleine Krise steht Alkmene wirklich gut! Schneider spielt Identitätsverwirrung als Luxusproblem; Patchwork-Identität als hippes Accessoire für Selbstverwirklicher, die sich in Ermangelung anderer Betätigungsfelder liebevoll mit dem eigenen Bauchnabel beschäftigen. Falls Bosse hier den Kleist für die Berliner Mitte inszenieren wollte, ist ihm das gelungen: So, wie die aussehen, merken die einen Abgrund noch nicht mal, wenn sie reingefallen sind. Dass Bosse die existenzielle Identitätsproblematik zudem auch noch permanent in der Beziehung zwischen Schauspieler und Stückfigur spiegelt, indem er die Akteure wiederholt aus ihren Rollen treten lässt, sorgt zwar für lustige Intermezzi, verkleinert Kleists Sujet aber fast bis zur Unkenntlichkeit.

Die besten Karten in diesem Spiel hat Hans Löw: Dadurch, dass er Amphitryon und Jupiter als Doppelrolle spielt – wobei er Ersteren ebenso überzeugend als täppisch veranlagten Schlaffi wie Letzteren als durchaus von des Gedankens Blässe angekränkelten Macho zeichnet –, lässt er im Zuschauerkopf den größten Spielraum zur Bewedelung der bedrohlichen Identitätsproblematik. Leider nimmt Bosses finaler Kunstgriff davon viel zurück: Im Dienst der allgegenwärtigen Identitätswirrnis steht letztlich Merkur alias Michael Klammer als Jupiter auf der Bühne. Vielleicht aber auch nur als Türsteher. Charis richtet uns noch schnell aus, Alkmene, die inzwischen mit Amphitryon durch den Zuschauerraum verschwunden ist, habe „ach“ gesagt – und kriecht dann zu Klammer auf die Bühne.

Gott ist ein Türsteher? Oder andersrum: Der Türsteher ist Gott? Egal. Spaß wird Charis ganz sicher haben auf ihrer Mitte-Party.

Weitere Aufführungen: 28.9., 7., 17. und 23. Oktober, jeweils 19 Uhr 30

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