Theater : Hebbel in Hamburg

Liebe, Respekt, Erbarmen: Jacqueline Kornmüllers Version von Hebbels Trauerspiel "Maria Magdalena" scheidet am Deutschen Schauspielhaus die Geister.

Hamburg - Aus rohem Holz ist die Bühne weit in den Zuschauerraum hinein gebaut, dafür gibt es an ihrer hinteren Wand zusätzliche Sitzreihen für das Publikum. An zwei Ecken lagern achtlos frisch gezimmerte Särge, einer liegt aufgebockt in der Mitte der offenen, grell beleuchteten Szene. Aus dem ziehen die kranke Mutter und ihre Tochter Klara ein Brautkleid, das bald zum Leichenhemd wird. Grauen, Leere und Tod sind mitten unter uns: So zeigt Jacqueline Kornmüller Hebbels "Maria Magdalena" am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Bei der Premiere gestern Abend reagierten die Besucher mit langem Beifall - aber auch mit Buhrufen.

Das Drama von 1843 gilt als das letzte bürgerliche Trauerspiel einer zur Zeit vielleicht wegen der Debatte um eine "neue Bürgerlichkeit" wieder viel gespielten Gattung. Doch entsteht bei Hebbel die Tragik nicht mehr aus dem Zusammenprall von Adel und Mittelstand wie bei Lessing oder Schiller - bei ihm schaffen sich Kleinbürger ihre Hölle selbst. Wertegebäude wie Kirche und Familie füllen sie nicht mehr mit Leben. Die so isolierten Menschen gehen ausweglos zugrunde aus Mangel an Liebe, an Respekt, an Erbarmen - Verhältnisse, wie sie dem in bitterer Armut in Dithmarschen aufgewachsenen Tagelöhnersohn Hebbel persönlich nicht fremd waren.

Weniger Worte, dafür mehr Symbolik

"Die Vögel stürzen gegeneinander und fallen zu Boden", heißt es im Stück über das Verhältnis des Menschen zueinander. Intensive psychologische Schauspieler-Leistungen formen in Hamburg das Schicksal der Tischlertochter, die - schwanger vom ungeliebten Leonhard - von ihrem Vater in den Tod getrieben wird. Er hatte gedroht, sich umzubringen, sollte sie ihm "Schande" bringen. Allen voran ist Monique Schwitter eine so anrührende wie auffallend selbstbewusste Klara. Doch die hat keine Chance gegen die Borniertheit ihres Vaters. Eindringlich gibt Manfred Zapatka den Meister Anton als Biedermann, den sein karges Leben verhärtete und verengte. Hingegen irritiert Peter Wolfs manierierte schleimige Karikatur des lasterhaften Leonhard.

Kornmüller, die auch das Bühnenbild schuf, führt eine Welt ohne Geheimnis, ohne Himmel vor. In einem derart entgrenzten Raum neigen Hebbels Worte dann allerdings auch dazu, an Wucht zu verlieren und sich aufzulösen. Überdeutlich ist dafür die Symbolsprache der 45-jährigen Regisseurin, deren "Kaukasischer Kreidekreis" und "Frau vom Meer" am Schauspielhaus verhalten, ihr Seniorentheaterprojekt aber mit viel Erfolg aufgenommen worden waren. Das Hoffnungsgrün von Klaras Mädchenkleid und dem Pullover ihres wahren Geliebten sticht genauso ins Auge wie die wechselnde Stellung der Särge, die zwischendurch aufgereiht werden wie Geschosse und am Ende ein ganzes Gräberfeld bilden. (Von Ulrike Cordes, dpa)

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