Kultur : Theater, heute

Zum Tod von Eva Johanna Heldrich

Christian Holtzhauer

Wenn die Straßen frei sind, braucht man mit dem Auto von Berlin nach Dresden etwas unter zwei Stunden. Das nimmt man für einen gelungenen Theaterabend gern in Kauf. Zwischen 2001 und 2004 bin ich diese Strecke häufig gefahren, um mir die neuesten Inszenierungen am TIF, dem in Theaterkreisen legendären „Theater in der Fabrik“ des Staatsschauspiels Dresden, anzusehen. In den letzten Jahren seines Bestehens hatte sich rund um die Premierentermine ein regelrechter TIF-Tourismus herausgebildet.

Dass sich das TIF zu einer solchen Talentschmiede entwickelte, war das Verdienst von Eva Johanna Heldrich, die diese Spielstätte des Staatsschauspiels Dresden von 1998 bis 2004 leitete. Mit ihrem Team hatte sie dem TIF ein radikal auf Gegenwart getrimmtes Profil verpasst: neue Stücke oder Stoffe, junge oder zumindest noch unbekannte Regisseure – und vor allem Regisseurinnen –, sowie zeitgenössische Tanzproduktionen.

Durch ihre Kontakte zur Berliner Freien Szene gelang es Eva Johanna Heldrich, die Vorteile freier Theaterarbeit mit den Möglichkeiten des Stadttheaterbetriebs produktiv zu verknüpfen – und das TIF damit zu einer der wichtigsten Schnittstellen von Off- und Stadttheater überhaupt und zugleich zu einer Startrampe für zahlreiche mittlerweile etablierte Theatermacher auszubauen. Friederike Heller, Christiane Pohle und Jan Jochymski, um nur einige Namen zu nennen, haben hier erste Inszenierungen erarbeitet, Autoren wie Gesine Danckwart und Martin Heckmanns erlebten mit TIF-Produktionen ihren Durchbruch.

Eva-Johanna Heldrich gehörte von 1993 bis 1997 zur Leitung des Theaters am Halleschen Ufer in Berlin. Es folgten Gastdramaturgien am Hebbel-Theater in Berlin und am Staatsschauspiel Dresden, wo sie auch den damaligen Oberspielleiter Hasko Weber kennen lernte, mit dem sie schließlich das Schauspiel Stuttgart übernehmen sollte. Seit Beginn der Spielzeit 2005/06 war sie im Team von Hasko Weber Künstlerische Direktorin und stellvertretende Intendantin am Schauspiel Stuttgart. Nun sollte Eva Johanna Heldrich die in Dresden begonnene Arbeit auf eine breitere Basis stellen.

An der Umsetzung der von ihr mitkonzipierten zweiten und an der Planung der dritten Stuttgarter Spielzeit unter Hasko Weber konnte sie schon nicht mehr aktiv teilnehmen, wohl aber hat sie die Arbeit von ihrer Wahlheimat Berlin aus noch verfolgen und beratend begleiten können. Nur wenige Stunden vor Beginn des Jahres 2007 ist Eva Johanna Heldrich im Alter von 50 Jahren an den Folgen eines schweren Krebsleidens in Berlin gestorben.

Der Autor war von 2001 bis 2004 Programmdramaturg der Berliner Sophiensäle. Seit Beginn der Spielzeit 2005/06 ist er Dramaturg am Schauspiel Stuttgart.

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