Kultur : Theater: Hunger

FRANK DIETSCHREIT

Blätternder Putz und ausgemergelte Farben an den Wänden.Fahles Licht und eine irgendwann erschöpft stehengebliebene Uhr.Ein durchgesessenes Sofa und eine funzelige Tütenlampe.Anna Viebrock hätte den Spielraum nicht besser erfinden können, und Christoph Marthalers ermattete Bühnenschläfer könnten hier wohlig alp-träumen, ihr sinnentleertes Leben in endloser Langsamkeit vertrödeln.Doch in der maroden Industriebrache der Firma Knorr-Bremse in Marzahn, in dessen ehemaliger Kantine das Theater 89 Heiner Müllers Shakespearekommentar "Anatomie Titus Fall Of Rome" zeigt, ist niemand ermattet oder erstarrt.Hier, wo ein Weltreich zugrunde geht und den Ansturm der Hungrigen und Ausgeschlossenen erlebt, wird gestritten und gemordet.Allerdings in einer bislang noch nicht gesehenen Variante: Denn Regisseur Thomas Heise läßt Shakespeares aberwitze Schlächterei und Müllers geschichtsphilosophische Grabplatten von Kindern spielen.Das unaufhörliche Abhacken von Händen, das Bäuche-Aufschlitzen und Vergewaltigen wird mit vorwitzig herausquellenden Gummi-Gedärmen und prall gefüllten Stoff-Gliedmaßen ironisch konterkariert.In der permanenten Veralberung aber liegt das Dilemma der Inszenierung: Gier und Haß und Bosheit und Rache von Titus und seiner haßgeliebten Gotenkönigin Tamora werden nicht aus dem archaischen Urgrund herausgearbeitet, sondern mit ungelenk-tobender Spielweise zu Lachnummern zerspielt.Heiner Müllers steinerne Bösartigkeiten werden nicht mit Bühnenleben gefüllt, sondern schreiend bis zur Unkenntlichkeit zerbröselt.Was als Ansturm der Dritten auf die Erste Welt gedacht war, endet bisweilen bloß in Texthängern und unfreiwilliger Komik (Theater 89, Firma Knorr-Bremse, Marzahn, Landsberger Allee 399, 14.-16., 28., 29.5., 20 Uhr).

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