Theater : Hysterienfeuer

Schwarz. Bühne und Kostüme sind schwarz in der Kammer des Deutschen Theaters. Wie es sich gehört in einer Inszenierung von Arthur Millers „Hexenjagd“. Und wie man es erwartet. Schwarz wie verkohltes Leben.

Andreas Schäfer

Schwarz. Bühne und Kostüme sind schwarz in der Kammer des Deutschen Theaters. Wie es sich gehört in einer Inszenierung von Arthur Millers „Hexenjagd“. Und wie man es erwartet. Schwarz wie verkohltes Leben. Die Zuschauer sitzen rechts und links wie in einer Arena, während auf einem so gut wie leeren Bühnensteg in der Mitte das Feuer der Hysterie in Windeseile eine gesamte Gemeinde verwüstet, nicht nur Dutzende Menschen an den Galgen bringt, sondern auch Überzeugungen, Stolz und Würde der Überlebenden niederbrennt.

Eben tanzen ein paar Mädchen noch nackt im Wald der puritanischen Gemeinde Salem, schon werden sie der Hexerei bezichtigt und behaupten aus Angst vor Bestrafung, ihre Mitbürger seien mit dem Teufel im Bunde. Teufelsaustreiber Hale (Thomas Schmidt) wird gerufen und beginnt die diabolische Arbeit des Verhörens. Jeder, der nicht regelmäßig in die Kirche geht, ist verdächtig. Jeder, der auf diesen Verdacht nicht gesteht, wird verurteilt und hingerichtet. Begnadigung erfährt, wer andere denunziert.

Arthur Miller schrieb sein berühmtestes Stück, basierend auf einem authentischen Prozess vom Ende des siebzehnten Jahrhunderts, als Reaktion auf die Erfahrung der McCarthy-Ära in den fünfziger Jahren, als so gut wie jeder unter Kommunismusverdacht stand und schwerste Sanktionen zu befürchtet hatte. Die enge Verzahnung mit dem zeitlichen Kontext und seiner unwirklichen Atmosphäre (Miller: „In den vier Jahren von 1948 bis 1952 hatte ich das Gefühl, in einem perversen Kunstwerk gefangen zu sein ... In gewissem Sinne war ,Hexenjagd‘ ein Versuch, das Leben wieder wirklich zu machen“) merkt man dem Stück an. Auch wenn religiöser Wahn wieder sehr en vogue ist, gerade ein neuer Kalter Krieg ausgerufen wurde und Hysterie ja irgendwie immer aktuell ist: Die erbarmungslose Dummheit der Richter, der dominoeffekthafte Fortgang der Handlung und die immer spürbare tiefe Empörung Millers wirken heute antiquiert, weil unterkomplex. Nicht nur die Kommunistenjäger – auch Miller wusste immer, wo der Feind steht.

Ewig geheimnisvoll bleibt freilich die Mechanik des Verhörs, die in der unprätentiösen, sachlichen Inszenierung von Thomas Schule-Michels in all ihren Gewaltfacetten beleuchtet wird. Schulte-Michels erzählt die Geschichte als Schulstück auf hohem Niveau. Doch auch wenn die konzentrierten Szenen die Hilflosigkeit des Einzelnen und den Automatismus des Massenphänomens plastisch machen – eine beamtenhafte Rechtschaffenheit wird die Inszenierung nicht los. Christian Grashof spielt den eitlen Reverend Parris nervös fingernd, mit wehleidiger Unterwürfigkeit. Die intrigante Abigail Williams, die im Windschatten der Ereignisse die Frau (Isabel Schosnig) ihres ehemaligen Geliebten John Proctor durch Denunziation aus dem Weg räumen will, ist bei Kathrin Wehlisch von schneidiger Unerbittlichkeit. Herausragend aber ist Sven Lehmann als eben jener John Proctor, der – um das Leben seiner Frau zu retten – zugibt, mit Abigail geschlafen zu haben. Lehmann, ruppig und zart zugleich, bringt mit seinem unverwechselbaren Gossensingsang nicht nur Staub und Dreck aus der Moderne, sondern auch Tragik in Millers Schachbrettwelt.

Wenn er am Ende, hin und hergerissen zwischen der Stimme des Gewissens und der lebensrettenden Lüge, mit bewegender Störrigkeit das gerade unterschriebene Geständnis wieder zerreißt, zeigt sich in stiller Erhabenheit so etwas wie die „Ehre des kleinen Mannes“.

Wieder am 5. und 6. September.

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