Theater im Freien : Darauf ein Shakesbier!

Sommer in Berlin heißt: Theater im Freien. Das Monbijou-Theater und die Shakespeare Company präsentieren „Macbeth“ und „Faust“, auf dem Pfefferberg gibt’s „Viel Lärm um nichts“.

Zeitlos guter Stoff. Szene aus der „Macbeth“-Inszenierung des Monbijou-Theaters.
Zeitlos guter Stoff. Szene aus der „Macbeth“-Inszenierung des Monbijou-Theaters.Foto: Bernd Schönberger

So ändern sich die Zeiten: Wo früher in fetten Lettern nichts als Spaß auf dem Programm stand, fließt jetzt das Blut in Strömen, und die Tragödie nimmt ihren Lauf. Statt Liebeswirren in Lustwäldchen gibt’s jetzt Tyrannenmorde und düstere Prophezeiungen. Möglicherweise ist auch daran Donald Trump schuld, der Kerl versaut einem noch jede Gaudi. Jedenfalls hat sich das Monbijou-Theater im gleichnamigen Park, Berlins Mekka des Freiluft-Frohsinns, als diesjährige Shakespeare-Sause für die Sommersaison keine der handelsüblichen Verwechslungskomödien mit finaler Massenhochzeit erkoren, sondern „Macbeth“. Die Geschichte des skrupellosesten Herrscher-Pärchens ever, das schließlich von den eigenen bösen Taten und einem wandelnden Wald zu Fall gebracht wird. Ein Stück, das sich auch die Indoor-Theater gern heranziehen, um die grausame Welt und ihre Unbelehrbarkeit zu bespiegeln.

Klar, der Stoff ist ja auch zeitlos gut. Das weiß jeder, der die Serie „House of Cards“ verfolgt. Im Monbijou-Theater bringt Regisseur Darian Mihaijlovic eine 90-Minuten-Fassung des royalen schottischen Schlachtfestes auf die Bühne, die tatsächlich ziemlich mitreißend geraten ist. In die Mitte des hölzernen Amphitheaters (das nunmehr auch über ein ausfahrbares Regendach verfügt) hat David Regehr eine Sandarena gebaut, durch die eingangs die Hexen tollen und in werktreuem Shakespeare-Englisch ihre Prophezeiungen loslassen: „When the hurlyburly’s done, when the battle’s lost and won …“

Der Rest des mörderischen Treibens spielt sich dann allerdings der Allgemeinverständlichkeit halber in gehobenem Deutsch ab: „War denn die Hoffnung trunken, die dich so tapfer machte? Ist sie nun ausgeschlafen?“, stachelt Lady Macbeth (in wechselnder Besetzung, an diesem Abend: Anja Pahl) ihren Gatten (Jonas Kling) zum forcierten Karrierestreben an. Der räumt Duncan (Matthias Horn) aus dem Weg, hat aber an der eigenen Terror-Regentschaft auch nicht lange Freude – was Mihaijlovic in konzentrierter Volkstheaterhaftigkeit und unter Zuhilfenahme von vielen Blecheimern und Waschzubern zeigt, die gern mal blutgefüllt kommen. Sogar vorm realistisch in Szene gesetzten Babymord schreckt die Inszenierung nicht zurück. Alle Wetter!

Blut und Ballermann auf dem Schöneberger Südgelände

Einen „Macbeth“, sogar mit Ausrufezeichen im Titel, hat auch die Shakespeare Company Berlin im Repertoire. Die Truppe um Christian Leonard sucht aktuell mal wieder einen Standort für ihr lang geplantes Globe-Theater und spielt bis dahin gewohnt publikumsnah im Naturpark Schöneberger Südgelände. Hier entfaltet das brutale Machtspiel um den Despoten M. in der Inszenierung von Uwe Cramer ebenfalls derben Schauer-Appeal. Blut schießt aus Pistolen, Handpuppen wird mit sprudelndem Effekt der Kopf abgeschlagen, das Herrscherpaar besudelt sich die Hände. Das hat in der makabren Überspitzung schon eine Anmutung von Grand Guignol und macht entsprechend Spaß.

Ebenso wie der stimmige Klischee- Switch, den die genderbewusste Company wagt: Macbeth (Benjamin Plath) und seine ach so durchtriebene Lady (Elisabeth Minarch) tauschen schlussendlich die Rollen. Sie sitzt auf dem Thron, er nimmt sich im Off das Leben. So oder so, mit der Power-Pärchen-Symbiose nimmt es kein gutes Ende. Wobei die Shakespeare Company ihren „Macbeth!“ noch mit etwas mehr Humor ausstattet als die Kollegen in Mitte. In Gestalt eines sächselnden Than von Ross (Oliver Rickenbacher) zum Beispiel. Heitere Dialekte: der Sommertheater-Klassiker!

Freilich gibt es auch in dieser Sommertheater-Saison noch anderen Stoff für die Amüsierwilligen. Die Shakespeare Company hat weiterhin Klassiker wie „Die Zähmung der Widerspenstigen“ oder „Wie es euch gefällt“ im Programm. Und im Monbijou-Theater steht im Wechsel mit „Macbeth“ ein Schwank auf dem Spielplan, den man als solchen gar nicht unbedingt erwartet hätte: Goethes „Faust“. Der erscheint auf dem Papier zwar nur bedingt lustspieltauglich. Aber da hat der Geheimrat die Rechnung ohne den katalanischen Regisseur Maurici Farré gemacht.

Das Spiel beginnt auf der Monbijou-Brücke, wo die burschikose Brandschutzbeauftragte des Grünflächenamtes Berlin-Mitte ein neues Goethe- Denkmal enthüllt. Wobei die Statue unversehens zu sprechen beginnt und Verse aus dem „Faust“ deklamiert: „Habe nun, ach …“ Drinnen geht’s dann munter weiter. Mit Akkordeonmusik, einer Pudelpuppe mit leuchtend roten Augen sowie einem Sangria-Eimer, der durch die Reihen wandert – Ballermann Goethe! Sein Faust dagegen ist hier ein Hanswurst im grellbunten Gehrock, der seinem Verführer Mephisto ziemlich dackelbrav folgt – und sich gegenüber Gretchen derart uncharmant verhält, dass das Fräulein bald einen schallenden Liebeskummer-Schlager anstimmen muss: „Meine Ruh ist hin, mein Herz ist schwer …“ Nicht schlecht.

Hochzeitskritik in Brenzlauer Berg

Für den Open-Air-Witz der wirklich alten Schule muss man allerdings zum Senefelder Platz fahren. Hier, im Pfefferberg Theater, ist mittlerweile der Regisseur Jan Zimmermann mit seinem „Hexenberg Ensemble“ zu Hause. Zimmermann – vormals kreativer Kopf des Hexenkessel Hoftheaters – zeigt hier einen Klassiker namens „Viel Lärm um nichts“. Der beginnt in seiner Version mit dem Einmarsch der Komödialpolizei, die zur Kalauer-Kontrolle ruft. „Was macht ein Clown im Büro? Faxen! Was ist ein toter Spanner? Weg vom Fenster!“ Unnachahmlich.

Genau wie das anschließende Intrigenspiel um die Hassliebenden Beatrice (Samia Chancrin) und Benedikt (Vlad Chiriac) sowie das verhinderte Paar Hero (Carsta Zimmermann) und Claudio (Andreas Klopp). Das nimmt frei nach Shakespeare – befeuert vom Dienstbösewicht Juan (Torsten Schnier) und einer wahren Kanonade an hochzeitskritischen Bonmots – unaufhaltsam seinen Lauf. Kostprobe? „Gepiercte Männer sind ehetauglich: Sie haben Schmerz erfahren und Schmuck gekauft.“ Genau der Humor, den unsere Zeit verdient!

„Macbeth“ und „Faust“ im Monbijou-Theater: bis 2. September, www.monbijou-theater.de. „Macbeth!“: Shakespeare Company Berlin, 18. bis 22. Juli, weitere Vorstellungen im August, www.shakespeare-company.de. „Viel Lärm um nichts“: Pfefferberg Theater, 20. Juli, www.pfefferberg-theater.de

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