Kultur : Theater in Berlin: F wie Finanzloch

Christiane Peitz

Nun sitzt also die Kultursenatorin auf der Schaukel. Nach Hannelore Elsner, Katja Riemann, Esther Schweins, Else Buschheuer und anderen Gastdamen ist sie die erste Politikerin, die an der in Berlin inzwischen kultverdächtigen Text-Revue von Eve Ensler über das gewisse, weibliche Etwas teilnimmt. Eine Politikerin, die über die Vagina spricht: Das will frau, nein das muss frau einfach gesehen haben.

Aber zunächst darf Adrienne Goehler auf ihrer Schaukel nur zuschauen. Wippt und grinst, lässt Beine und Ohrringe baumeln. Zu gerne, meint man, würde sie mitspielen bei diesem von Regisseurin Adriana Altaras mit gehöriger Selbstironie gegen den Strich gebürsteten feministischen Genital-Manifest. Würde sich, wenn sie nur dürfte, ereifern und erregen, mitturnen bei den gymnastischen Verrenkungen und der ausgeflippten Verbalartistik, mit denen Barbara Spitz, Rosa Enskat, Verena Peters und Dominique Chiot um die erogenen Zonen des weiblichen Geschlechts herumkreiseln. Doch sie ist, leider, nur Gast.

So trägt sie, wie ihre Vorgängerinnen, zunächst jenes pathetische Poem über vergewaltigte bosnische Frauen vor: Betroffenheitskitsch mit feuchten Wasserdörfern und dortselbst einmarschierenden Kompanien. Goehler tut es nüchtern und ernst, mit der Autorität ihrer tiefen, leicht angerauten Stimme. Nein, peinlich ist das nicht.

Aber dann begibt sich nach vorne in die Manege: Adrienne in der Löwinnengrube. Als sie zu den dadaesken Stöhn-Variationen das "Koalititionsstöhnen" und als Ex-Hochschulpräsidentin auch das Hamburger Stöhnen (Aaaach - was!) beisteuern darf, ist sie in ihrem Element. Schließlich bereichert sie auch ihre politischen Äußerungen nicht selten mit den Mitteln der Koketterie, spielt zu gerne auf den Kindergarten namens Abgeordnetenhaus an. Frau Goehler, die Alleinunterhalterin mit Grips.

Am Ende schwingt sie das Tanzbein, rockt und groovt in weiten Hosen und buchstabiert das streng verbotene F-Wort nach ihrer Fasson: F wie Finanzloch, O wie Overheadkosten, T wie Tarifsteigerung ("fällt weg", sagt die Senatorin), Z wie Zwischenfinanzierung und E wie "enervierende Koalitionsverhandlungen". Ob sie damit die Vorgespräche zu ihrem Berliner Amtsantritt meint oder das aktuelle Rangeln der Ampelkoalition um die Senatorenposten von morgen, verrät sie nicht. Aber ein bisschen Entertainment musch, musch, musch schon sein, würde "Vagina"-Gast Cora Frost jetzt sagen. Auch in der Politik.

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