Kultur : Theater in Berlin: Man wird euch nicht mehr verstehen können

Inka M. Lehmann

Klein Hänschen hatte die weite Welt erforschen wollen. Die Angst der Mutter brachte ihn zurück. Bei Erwachsenen lässt sich der Forschertrieb nicht so einfach drosseln. Mitglieder des Theaters Thikwà, behinderte und nicht behinderte Schauspieler, suchten einen eigenen Weg, sich wissenschaftliche Themen anzueignen. Sie wollten mehr über Weltraumforschung erfahren. In Kooperation mit den Sophiensälen entstand daraus unter Leitung von Carsten Ludwig der Theaterabend "Ohne Titel IV oder 2002 - Odyssee im Weltraum".

Eine junge Frau schiebt langsam ihre ausgebreiteten Arme auf der Erde zusammen, als wolle sie Wasser sammeln. Dann hebt sie die zur Schale geformten Hände. "Die Sonne ist aus dem Wasser gekommen", sagt eine andere. - Am Anfang waren die Elemente. Wasser, Feuer, die Erde, von der aus wir in die Luft, ins All fliegen. Die neun Darsteller vermitteln sich gegenseitig - auch mit Streit und Humor - ihre Fragen und ihr Wissen. Sie benutzen Bilder, die auf eine Leinwand im Hintergrund projiziert und mit einem Zeigestock erläutert werden, und sie spielen. Eine poetische und witzige Reise in den Weltraum, für die Stanley Kubricks Kultfilm "2001" die Folie bildet.

Ein längliches Podest auf der Bühne erweist sich als liegender Monolith aus dem Film. Die Schauspieler richten ihn auf und erzählen in ihren Worten Kubricks Geschichte des ersten Mords, als der Affe entdeckte, wie nützlich ein Knochen kommen kann, den um das Wasserloch rivalisierenden "Bruder" zu erschlagen. Im nächsten Moment tanzen sie zu den Klängen der "Schönen blauen Donau" inmitten des auf den Boden reflektierten Sternenhimmels, und aus dem Blick auf die Sterne entstehen Wunschbilder, die jeder für sich sieht und beschreibt. Gefaltete Papierflieger werden in die Luft geworfen. Über diese Zusammenführung von Außerirdischem, Individualität und Kindlichkeit erreichen die Reisenden das All. Behinderte und nicht behinderte Schauspieler spielen gemeinsam. Das führt an diesem Abend manchmal zu Anpassungsproblemen in der Sprache. Die Behinderten müssen um ihre Sätze ringen, die nicht Behinderten aber passen sich diesem Gestus an, was einen Verlust an sprachlichem Rhythmus mit sich bringt. Ein Traum wird erzählt: Bei den Behinderten wirkt diese Art des Berichtes real, bei den anderen naiv. So vermitteln die Behinderten durchaus das Bewusstsein zu spielen, während die nicht behinderten Schauspieler - durch die Reduktion der Sprache - häufig den Eindruck vermitteln, sie seien sich der Zuschauer allzu bewusst.

Wunderbar dagegen ist die Szene, in der drei Frauen in Anlehnung an das filmische Vorbild außerhalb des Raumschiffs in die Ewigkeit abdriften. Sie sprechen, während ein Mitreisender kommentiert: "Man wird euch nicht mehr verstehen können. Jetzt könnt ihr sicher sein, dass man euch nicht mehr versteht." Während er spricht, verstummen die Frauen. Nur die Lippen bewegen sich weiter, zur Bestätigung der Worte. Hier wird aus der Sprache, dem Kommunikationsmittel, ein Zeichen für das Scheitern von Kommunikation. Als letzte Möglichkeit des Ausdrucks bleibt das Kinderlied "Hänschen klein".

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