Theater : Kampf und Drang

Skinheads auf der Bühne: Robert Borgmanns "Weine nicht" in der Box des Deutschen Theaters.

Jan Oberländer

Ein großer Skinhead packt einen kleinen Skinhead am Kragen und schleudert ihn auf der Bühne der DT-Box herum. Dabei keucht und schreit der kleine Skin einen Monolog, der als Parole für den Abend taugt: „Gewalt ist die größte Erfolgsstory unserer Geschichte. Gewalt ist die einzige Möglichkeit, nicht länger unsichtbar zu sein. Nichts nimmt man so ernst wie Gewalt.“ Auch Robert Borgmanns Adaption von André Pilz’ Skinhead-Roman „No llores, mi querida – Weine nicht, mein Schatz“ versucht ständig, den Zuschauer beim Kragen zu packen, zu zeigen: Wir sind da, ich bin da. Die Inszenierung provoziert, bis sich die Zuschauer das Bier von den Brillen wischen und der Intendant indigniert auf den Fußboden guckt.

Eine Verliererstory: Der Skinhead Rico (Marek Harloff) malocht bei der Post und interessiert sich für Fußball, Faustkampf und Alkohol. Die Stiefel, die Glatze, die Brutalität: Rico ist Täter geworden, um nie wieder Opfer zu sein wie damals in der Berufsschule. Die Trennlinie ist dünn, das zeigt auch die Einspielung einer Fernsehreportage von einem NPD-Sommerfest. Trotzdem: Rico ist kein Neonazi, Skinhead ist nicht gleich Skinhead, die Szene ist diffus. Er ist einfach dagegen, aus vollem Herzen. Gegen Politiker und Bullen und Bonzen und Schlauberger. „Verweile doch? Ich sag: Verpisse dich!“

Beim Briefeaustragen verliebt Rico sich in die mexikanische Studentin Maga (Alwara Höfels). Dass die beiden zueinanderkommen, verhindern nicht nur Ricos rassistische Kumpels (Franz Konstantin Beil, Alexander Rohde, Pedro Stirner). Sondern die Verhältnisse, auch die in Ricos Kopf. Um das in Hochkultursprache zu sagen, lässt Borgmann auf einem Traumpodest (Bühne: Jochen Schmitt), auf dessen Rückwand ein riesiger, tätowierter Skinhead-Schädel projiziert ist, ein paar „Kabale und Liebe“-Schnipsel spielen: Höfels besingt als „bürgerliches Mä-ä-ädchen“ den Standesunterschied.

Aber es sind eben nur Schnipsel. Die Liebesgeschichte, der in Pilz’ ungeschlachtem, aber eindrücklichem Roman bis an die Grenze der Jugendfreiheit geschilderte Sex kommen in der Inszenierung nur am Rande vor, das versöhnliche Ende ist gestrichen. Vor allem wird theatralischer Dampf abgelassen: Bier spritzt, Baseballschläger splittern, die Schauspieler sind ständig auf 180. Einmal gibt Ricos Chef Edde (Matthias Schweighöfer) von der Eckbank den Schiller-Regisseur: „Kein Text, nur Ra-ta-ta-ta!“

Der Abend, bisweilen visuell eindrucksvoll und alles andere als langweilig, bleibt so richtungslos wie Ricos Rebellion. Eine Szene prägt sich ein: Rico schrummt auf dem E-Bass herum, simple Harmonien eines Böhse-Onkelz-Songs, seine Kumpels grölen dazu, und plötzlich wird da eine Wärme spürbar und eine Kraft. Wir gegen die Welt, Ausstieg unmöglich. Nach der Pause, wenn das verspritzte Bier aufgemoppt und die Bühne leergeräumt ist, wenn die Skins als apokalyptische Krieger im Kettenhemd zur letzten Schlacht zurückkommen und Maga schwarz beschmiert und kahl geschoren in einem Kissenberg liegt, sind alle anderen Welten endgültig untergegangen.

Wieder am 5.–7. Oktober

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