Theater : Keine Chance für Männer

Katja Riemann glüht als Anna Karenina im Theater am Kurfürstendamm. In einer zeitgenössischen Dramatisierung spielt sie die ehebrüchige, lebenshungrige Frau im Russland des ausgehenden 19. Jahrhunderts.

Christoph Funke
Katja Riemann
Die Schauspielerin Katja Riemann (M) und ihre Kolleginnen Birgit Schneider (l) und Anika Mauer. -Foto: dpa

Wie aus einem Nebel tasten sie sich auf die Bühne, Frauen und Männer auf der Suche nach Leben, Liebe, Eigenart. Lange gehen sie schattenhaft im Hintergrund vorüber, tauchen dann auf aus dem Ungefähr, spiegeln und verbergen sich hinter durchsichtigen und zugleich verschleiernden Wänden. Und dann bricht er aus, der große Krieg um den anderen, die rasende Lust auf einen Menschen, mit dem man eins werden könnte. Die Ruhe explodiert, gestischer Furor bricht aus, die Körper verschlingen sich in Abwehr und Gier. Verständigung misslingt, nur noch ungezügelte Leidenschaft ist möglich, gesteigert bis zum Schrei, bis zum Zusammenbruch.

So bringen Anna-Sylvie König und Amina Gusner Tolstois Roman „Anna Karenina“ auf die Bühne, in einer „zeitgenössischen Dramatisierung“. Die große Geschichte vom Ehebruch einer jungen lebenshungrigen Frau im Russland des ausgehenden 19. Jahrhunderts spielt also heute, in einem unbekümmert den alltäglichen Erfahrungen unserer Zeit angenäherten Milieu. Den Männern sind Berufe zugeordnet, Karenin, Annas Ehemann, steht als einflussreicher Politiker vor einer Wahl; Wronski, der Geliebte, ist Schauspieler; Stiwa Oblonski, Annas Bruder, betreibt ein Restaurant. Wichtig ist das alles freilich nicht, und überhaupt spielt das Nachdenken über menschliche Verstrickungen, über Möglichkeiten eines sinnvollen Daseins, über das Verhalten in persönlichen und gesellschaftlichen Konflikten keine große Rolle.

Alle Aufmerksamkeit gilt den unvermuteten, schicksalhaften Begegnungen von Mann und Frau. Amina Gusner, Regisseurin der in Co-Produktion mit der Konzertdirektion Landgraf und dem Stadttheater Fürth entstandenen Aufführung, forscht nach einer Liebe, die Leben ermöglicht, steigert und zerstört. Sie will Segen und Fluch eines alles niederreißenden Gefühls auf die Bühne bringen, und entfesselt einen Sturm von Leidenschaft, in dem Ruhe, Maß und Überlegenheit hinweggewirbelt werden.

Möglich wird das durch Katja Riemann als Anna Karenina. Es ist, als würde ein Licht angezündet, wenn die Schauspielerin im roten Mantel über dem schwarzen Kleid auf die Bühne kommt. Und in diesem Licht bleibt sie, Mittelpunkt einer wie zufällig zusammenkommenden und sich wieder verlierenden Gruppe von Suchenden. Katja Riemann zeigt die große Liebende mit einer aller Demut, Zärtlichkeit und Überlegung baren Ausschließlichkeit. Liebe als Inbesitznahme des Mannes, in wilden Umarmungen, wo auch immer, im Stehen und Liegen, selbst hoch im stählernen Gerüst der luftig-weiten Bühne (Johannes Zacher). Immer atemloser wird die Schauspielerin, sie verausgabt sich in gestischer und rhetorischer Ekstase bis zur Erschöpfung.

Darin aber liegt auch die Gefahr der Inszenierung. Körperliche Abläufe, oft vielfach wiederholt, verselbständigen sich, Annäherungen enden immer wieder in Zusammenbrüchen, in heftiger Abwehr. Dauernde Hochspannung lässt keine Gelassenheit zu, Dialoge steigern sich zu ungezügelter Heftigkeit. Riemann und Gusner wollen den Anspruch der Frauen auf Gleichberechtigung, auf Glück und körperliche Erfüllung in der Partnerschaft auf die Bühne bringen und scheuen dabei vor keiner Hitze zurück. Männer haben dabei kaum eine Chance.

Auf Tempo angelegt, verliert die pausenlose Aufführung am Ende ihren Rhythmus, verfängt sich in mehreren Schlüssen. Es mag der Gastspiel-Situation zuzuschreiben sein, dass mitunter Verständlichkeit fehlte, auch infolge der aufdringlichen musikalischen Grundierung des Spiels. Die Sicht auf die Bühne im großen Theater am Kurfürstendamm war dazu durch einen unglücklich im Bühnenvordergrund platzierten Stuhl von vielen Parkett-Plätzen aus eingeschränkt. Aber Amina Gusner stand ein Ensemble zur Verfügung, das der Protagonistin standhielt. Peter René Lüdicke (Karenin), Sébastien Jacobi (Wronski), Heinrich Schafmeister (Stiwa Oblonski), Jörg Pintsch (Lewin), Birgit Schneider (Dolly) und Anika Mauer (Kitty) vermochten es, im Wirbel der Leidenschaften eigene Töne, mitunter sogar Momente der Ruhe, des Innehaltens zu finden. Es war ein großer Versuch, Tolstois mehr als tausendseitigen Roman wie ein emotionales Blitzlichtgewitter in knapp zwei Stunden aufzuführen. Theater kann viel, selbst wenn ihm die Pferde dabei durchgehen.

Kurfürstendamm 206-209, bis 7. 2, täglich 20 Uhr.

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