Theater : Konferenz der Klistiere

Frank Castorf macht an der Berliner Volksbühne aus Molières „Geizigem" eine viereinhalbstündige Klamotte. In der Titelrolle brilliert Martin Wuttke. .

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Gehobene Kunst. Martin Wuttke (als Harpagon) lässt sich von Franz Beil (als Cleante) wegtragen. Foto: Braun/drama-berlin.de
Gehobene Kunst. Martin Wuttke (als Harpagon) lässt sich von Franz Beil (als Cleante) wegtragen. Foto: Braun/drama-berlin.deFoto: Braun/drama-berlin.de

Im Boulevardtheater-Business gibt es eine eherne Regel: Niemals darf die Spieldauer nach der Pause länger sein als im ersten Teil. Eine gute Stunde zu Beginn, dann Himbeerbowle fassen, danach rasch das Happy End. In der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz endet die erste Halbzeit am Donnerstag nach 105 Minuten. Kurzweilig war’s bislang, da ist man sich recht einig beim Luftschnappen draußen auf den Stufen vor dem Theaterportal. Was zu diesem Zeitpunkt nur Kenner des Hauses ahnen: Frank Castorf wird bei Molières „Der Geizige“ mächtig in die Verlängerung gehen. Viereinhalb Stunden für eine luftige Komödie – da gehen fast alle Opern Richard Wagners schneller vorbei.

Kein Wunder, dass es Martin Wuttke am vergangenen Samstag mulmig wurde, als er ins Taxi stieg, um zur Premiere zu fahren. Am 1. Juni hatte er seine eigene Molière-Premiere herausgebracht, „Der eingebildete Kranke“, mit sich selber in der Titelrolle. Parallel waren die Proben zum „Geizigen“ in die heiße Phase gegangen. Seine Idee war, drei Stücke des Franzosen hintereinander herauszubringen. Er will das jetzt durchstehen. Aber er kann nicht. Anruf beim Theater: „Sagt die Vorstellung ab, ich fahre zum Notarzt.“ Molière ist 1673 am Ende einer Aufführung tot zusammengebrochen. So weit muss die Rollenidentifikation nicht gehen.

Von einem „Erschöpfungszustand“ spricht der Agent, die Yellowpress macht gleich ein Burnout daraus. Doch nach fünf Tagen ist Wuttke wieder da – und zwar voll. Das hier ist seine Show. Wuttkes Harpagon sieht unter der weißen Lockenperücke aus wie ein zerzauster Simon Rattle und bewegt sich, als wäre der Geist von Klaus Kinski in den Körper des Louis de Funès gefahren. Ein Giftzwerg mit Phantomas-Outfit. In zierlichen Schläppchen trippelt er über die Bühne, zieht sich mit Altherrenmiene die Kniebundhose über die Wampe, und wütet, schreit, tobt, getrieben von der ewigen Angst, die Welt könnte ihm sein Geld wegnehmen. Denn natürlich wird bei diesem „Geizigen“ nicht mit zotigem Klamauk geknausert.

Sophie Rois glänzt in allen Dienerrollen, legt als La Flèche eine fein-fiese Advokatenparodie hin, Kathrin Angerer gibt mit entzückendem Schnütchen die chronisch klamme Kupplerin Frosine – doch viel Platz bleibt für die Mitspieler neben diesem Wuttke nicht. Er setzt die Akzente, gibt das Tempo vor. Und wenn er will, wird ein gigantisches Klistier zum Showstopper. Hektisch, aber ohne Eile dekliniert er alles durch, was sich szenisch mit dem Einspritzer so anstellen lässt. Längst ist die Pointe verpufft, aber die Szene geht immer weiter.

Und so passiert es oft an diesem Abend. Das unterscheidet die Castorfsche Bespaßungstaktik vom derzeitigen Hit des Hauses, Herbert Fritschs Gagfeuerwerk „Die (s)panische Fliege“. Bei Fritsch ist alles maximal verdichtet, komisch konzentriert – der Chef arbeitet ganz anders. Viel berlinischer. Im urbanistischen Sinne. „Der Geizige“ fühlt sich an wie diese Stadt: ein Konglomerat aus vielen kleinen Zentren, die irgendwie zusammengewuchert sind. Szenische Highlights inmitten weiträumiger Textabsonderungsphasen. Wuttke stellt in dieser theatralen Geografie natürlich Mitte dar, Sophie Rois repräsentiert Charlottenburg, Kathrin Angerer Friedrichshain. Die übrigen Mitspieler, nun ja, Lankwitz oder Friedrichshagen, Steglitz oder Köpenick.

Nach dem vierten Akt macht sich Erschöpfung breit im Saal. Nun aber hopp, hopp zum absurden Ende – da senkt sich eine Videoleinwand herab. Nicht um die Zusammenfassung der EM-Spiele zu zeigen, sondern zwecks Hinterbühnenfilmerei per Handkamera. Und nun beginnt der lange Marsch durch die Vororte der Castorfschen Theaterhauptstadt: Karow, Hoppegarten, Eichwalde, Oberschweineöde.

Wuttke erscheint auf der Leinwand, in der Badewanne sitzend, ausstaffiert wie Marat auf dem berühmten Gemälde, Gesellschaftsanalytisches rezitierend. Mariane mutiert zur Symbolfrau der Französischen Revolution, mit rollenden Augen wird im Dunkel mit dem Molière-Text gerungen (und auch mal eine Grubenlampe geschwungen). Als Harpagons Geld weg ist und er nach dem Kommissar kreischt, rückt selbstverständlich Wuttke höchstselbst zum „Tatort“ an, als Leipziger Sonntagsfahnder. Langes selbstreferentielles Palaver, in das auch Rois und Angerer mit ihren TV-Krimierfahrungen einstimmen, abgelöst durch wüstes Anal-, Rektal-, Brutal-Gebrüll à la Marquis de Sade der anderen Darsteller. Dann, endlich, sind alle leibhaftig wieder auf der Bühne. Brav, als wäre nichts gewesen, wird das Stück zu Ende gebracht. Es geht auf Mitternacht am Rosa-Luxemburg-Platz.

In jeder noch so fluffig daher kommenden Kudamm-Komödie steckt eine Botschaft, Privattheaterleute bemühen sich ehrlich, dem Publikum beim Erheitern den Horizont zu erweitern. Ob Schwule, Alte, Farbige – die Identifikationsfiguren stammen häufig aus gesellschaftlichen Randgruppen. Frank Castorf hat auf solche Fortbildungsarbeit keinen Bock. So, wie er Molières Sozialsatire erzählt, in der barocken Zirbenholzstube, die ihm Bert Neumann gezimmert hat, ist das Stück ganz weit weg von heutigen Eltern-Kinder-Konflikten. Jede, aber auch wirklich jede Zeile der 1887er Übersetzung von Wolf Heinrich Graf von Baudissin wird gesprochen. Klassenunterschied und Standesdünkel, Heirat aus rein wirtschaftlichen Überlegungen, professionelle Eheanbahnung – alles bleibt nur vorgeführt, wird veralbert, nicht in zeitgenössische Verhältnisse überführt. Molière, der Vater der Klamotte. Ein gut abgehangener Franzose, serviert nach Volksbühnenart: gegart im eigenen Saft.

Wieder am 19., 22. und 30. Juni

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