Theater, Kunst, Klassik : KURZ & KRITISCH

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Flucht nach vorne. Sol Gabetta und ihr Guadagnini-Cello. Foto: Sony BMG

THEATER

Letztes Gebot für das letzte Hemd

Sie hat einen letzten Auftritt. Im Zwielicht von blauen Scheinwerfern und künstlichem Nebel und unter mystischen Synthesizer-Klängen, hebt und senkt sie sich: die Maschinerie der Unterbühne, ein 250 Tonnen schwerer Koloss – dann verschwindet sie im Orkus. Beim Umbau der Volksbühne, der diese Woche beginnt, wird die Bühnenkonstruktion komplett erneuert. Sieben Monate schließt das Haus. Die ersten Baucontainer stehen schon auf dem Rosa-Luxemburg- Platz. Am Samstag lud das Theater nun zum Abschlussfest. Offenbar haben Schauspieler, Dramaturgen und Techniker vor allem einen guten Grund zum Tanzen und Trinken gesucht. Die Party mit der Bolschewistischen Kurkapelle Schwarz-Rot und der hauseigenen Volksbühnen-Band ist rauschend, die vorhergehende Bühnenshow dagegen ein Pflichttermin für das Ensemble.

Hausautor Lothar Trolle hat noch schnell ein paar Dialoge aus aktuellen Inszenierungen zusammengestrickt, der Musiker Steve Binetti singt dazu. Von der Rampe aus versteigert Schauspieler Max Hopp Volksbühnen-Devotionalien. Eine eher mühselige Angelegenheit, bis Henry Hübchens letztes Hemd oder der von Intendant Frank Castorf in einem Wutanfall zerrissene Buchdeckel unter das Volk gebracht ist. Und nun noch einmal alle auf die Bühne, bitte! Das macht richtig Lust auf Baustelle. Wenn der Spielbetrieb in das Freilichttheater auf dem Vorplatz und den sanierten Prater am Prenzlauer Berg ausweichen muss, wird es genügend Zeit und Gelegenheit für Experimente geben. Anna Pataczek

KUNST

Ich schau dir in die Glasaugen

Vor kurzem bewies die Ausstellung „Giacometti, der Ägypter“ im Alten Museum, dass der große Schweizer jeden Vergleich aushält. Im Käthe-Kollwitz-Museum begegnen nun Zeichnungen, Radierungen und Lithografien des Heroen der klassischen Moderne einem zeitgenössischen Künstler aus Südtirol: Walter Moroder – Alberto Giacometti. Geheime Welt heißt die Doppelschau, in der die schlanken Holzfiguren des 1963 im Grödnertal geborenen Bildhauers dominieren (Fasanenstraße 24, bis 30. April, Mo-So 11-18 Uhr). Verglichen mit den schroffen Oberflächen bei Giacometti – dessen Skulpturen hier allerdings nicht zu sehen sind –, wirken die hockenden, stehenden und liegenden Gestalten Walter Moroders klassisch-gemäßigt. Das Flüchtige, Innerliche, das man auch bei seinem Vorbild findet, erzielt Moroder mit den Mitteln der Körperhaltung und des Gesichtsausdrucks. Die schlanken Wesen aus dem hellen Holz der Zirbelkiefer wirken in sich gekehrt. Trotz der eingesetzten Glasaugen fixieren diese Blicke nichts.

Die anrührendste Skulptur der Ausstellung ist eine Liegende, überzogen mit einer unregelmäßigen Haut aus Leim und Sägemehl. Wie einbalsamiert wirkt die Figur, nicht von dieser Welt, ohne jedoch ein lebloser Körper zu sein. Moroder lässt ihre Hand einen Zentimeter über dem Schoß schweben und erzielt so eine Anmutung von Transzendenz. Das Problem der Ausstellung liegt in der Gegenüberstellung mit den Zeichnungen Giacomettis. So augenfällig die Verwandtschaft der Positionen ist, so wenig erhellend wirkt der Vergleich.Jens Hinrichs

KLASSIK

Hechtsprung durch brennende Reifen

Dieser Saal ist und bleibt akustisch eine Katastrophe. Wer im Konzerthaus im ersten Rang Mitte sitzt und das Pech hat, dass Spätromantik oder frühe Moderne auf dem Programm stehen, dem fliegt das Blech nur so um die Ohren, dem spalten Pauke und Tamtam die Schädeldecke. Was erst, wenn Marek Janowski hier demnächst seinen konzertanten Wagner- Zyklus abhält? Die Solistin Sol Gabetta tritt am Samstag in Boleslav Martinus erstem Cellokonzert von 1955 die Flucht nach vorn an. Nicht nur, dass ihr Guadagnini-Cello kaum eine Chance hat, sich dynamisch gegen das wenig zimperliche Rundfunk Sinfonieorchester Berlin durchzusetzen; auch die Partitur strickt Neobarockes so dicht an Folkloristisch-Klassizistisches, schachtelt Rhythmen, härtet Kanten, hechtet durch brennende Reifen, so dass für Farben, einen echten Ton selbst im Andante kaum Raum bleibt.

Am Pult steht Andris Nelsons, die größte und schönste Hoffnung am internationalen Dirigentenhimmel. Der 30-jährige Lette ist ein Ausbund an Musikalität, am liebsten wäre er wohl selbst das ganze Orchester. Nelsons schnauft und singt lauthals mit, hüpft, stampft und stolziert, flirtet und swingt. Dass ihm just zur Durchführung im Finale von Mahlers erster Symphonie die Frackbinde von den Hüften springt, scheint er kaum zu bemerken. Bildnis des Komponisten als junger Mann: Aufregend weich ist Nelsons Mahler-Faktur, fröhlich, durchsichtig, frei von ideologischer Überzeichnung. Haydn steht hier Pate, und das Wienerische ätzt nicht, sondern prickelt lustig. Weltschmerz ade? Aus einem Guss ist diese Lesart kaum, auch fehlt Nelsons trotz vieler herrlich ausmusizierter Übergänge für Episoden wie den „Lindenbaum“ im dritten Satz die innere Ruhe, der Mut zur Stille. Auch ihn wird Nelsons bald aufbringen, daran hegt das Publikum keinen Zweifel. Jubel. Christine Lemke-Matwey

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