Theater : Mach doch rüber

„Lilly unter den Linden“: Uraufführung im neuen Domizil des Grips-Theaters

Patrick Wildermann
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Tristesse nach Ladenschluss. Julia Schubert als Lilly. Foto: David Baltzer

Wie erzählt man denen, die jetzt heranwachsen, vom Leben jener anderen in der DDR? Sollen die sich ihr Weltbild aus „Sonnenallee“ und „Goodbye, Lenin“ zusammensetzen, oder nimmt man sie an die Hand und zeigt ihnen vor Ort die letzten drei Meter Mauerrest, die große Wiese vielleicht, wo mal der Palast der Republik stand? Derlei Fragen wirft, im Jubiläumsjahr der Wende, das Stück „Lilly unter den Linden“ auf, mit dem das Grips Theater seine neue Zweitspielstätte neben dem Haupthaus am Hansaplatz in Betrieb nimmt, das so getaufte „Grips Mitte“ im Podewil, wo der mit „Kulturprojekte Berlin“ geschlossene Mietvertrag zunächst fünf Jahre läuft.

Sich im Herzen der Stadt zu verorten, auch geografisch die Strahlkraft auszuweiten, das steht Volker Ludwigs großartiger Jugendtheater-Truppe ja erst mal gar nicht schlecht zu Gesicht – wenngleich man am Grips nicht glücklich darüber war, nach dreizehn Jahren die angestammte Nebenspielstätte, die Schillertheater-Werkstatt, aufgeben zu müssen, in die nun die Staatsoper zieht. Noch sei ungeklärt, heißt es in einer Verlautbarung des Theaters, wer die enormen Kosten für den Umzug übernehmen solle, die aus dem laufenden Etat nicht zu decken seien und das Grips mit Insolvenz bedrohten. Auf der künstlerischen Seite freilich blickt man optimistisch in die neue Mitte-Zukunft und will auch im Podewil den Schnitt von 150 Vorstellungen mit einem Repertoire von fünf, sechs Stücken und zwei bis drei Premieren pro Jahr halten.

Das dürfte glücken, und man muss es auch nicht als Kommentar zur eigenen Lage lesen, dass die Eröffnungsinszenierung von einer problematischen Identitätssuche zwischen Ost und West handelt. Regisseur Philippe Besson, der fast zehn Jahre lang das Jugendtheater in Potsdam geleitet hat, erzählt in „Lilly unter den Linden“, frei nach der Vorlage von Anne C. Voorhoeve, die Geschichte der jungen Lilly (Julia Schubert), deren Mutter Rita (Anja Dreischmeier) vor Zeiten aus der DDR nach Hamburg geflohen ist. Als Rita stirbt, wir schreiben das Jahr 1988, beschließt Vollwaise Lilly, heimlich rüberzumachen, ins jenseitige Jena, Paradies, wo ihre Tante Lena (Katja Götz) wohnt. Die Grenzverletzung gelingt zwar, doch wird Lilly nicht nur mit offenen Armen empfangen und zudem mit einem bis dato totgeschwiegenen Familiengeheimnis konfrontiert.

Philippe Besson, der Sohn des großen Benno, ist selbst in der DDR aufgewachsen, allerdings, wie er es mal nannte, als „Edel-Ossi“, der einmal pro Jahr in den Westen reisen durfte. Er kennt sich bestens aus in beiden Welten und weiß mit Besserwessi- und Ostalgie-Klischees gleichermaßen ironisch umzugehen, was sich auch im Bühnenbild seiner Ausstatterin Henrike Engel spiegelt: Da wird die große Fotowand mit Hanseaten-Imbiss-Motiv unterm blinkenden Riesenrad flugs um 180 Grad gewendet, wie ein Drehkreuz zwischen Ost und West, und schon blickt man auf mausgraue Sozialismus-Tristesse mit Durchhalteparolen nach Ladenschluss.

Es ist nur schade, dass Besson die Geschichte immer wieder in die Karikatur treibt und die berührenden Momente oft überspielt werden. Robert Neumann bleibt als Ritas schwer französelnder Fotografen-Freund Pascal ebenso Knallcharge wie die sächselnde Verwandtschaft oder jener Stasi-Bernd, den Sebastian Achilles spielt – einst ein Vertrauter von Rita und Lena, heute Repräsentant der fehlgegangenen DDR-Biografie. Das Stasi-Thema bleibt indes nur angerissen, wie überhaupt wenig über den Arbeiter- und Bauernstaat vermittelt wird. Da erfährt der junge Theatergänger mehr durch das vorzüglich gestaltete Programmheft. Freilich muss man Besson zugute halten, dass „Lilly unter den Linden“ in erster Linie eine Coming-of-Age-Geschichte erzählen will. Und durch die kämpft Hauptdarstellerin Julia Schubert sich höchst wacker, mit trotziger Verletzlichkeit und dem Mut der Verzweiflung.

Wieder am 27. Februar (ausverkauft)

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