Theater : Mit Limo ins Jenseits

Von Schiller zu Bushido: Falk Richter inszeniert "Kabale und Liebe" als Pop-Melodram. Damit will der Theaterregisseur vor allem die MTV-Generation in die Berliner Schaubühne locken.

Christine Wahl
Rosmair
Sturm und Drang aus der Windmaschine: Judith Rosmair als Lady Milford. -Foto: Tsp

„Wenn die Schranken des Unterschieds einstürzen“, skandiert der jugendliche Adelsspross Ferdinand mit Verve ins Mikro, und „Menschen nur Menschen sind“, tremoliert seine resolute Angebetete Luise danach wie bei einem Warming-up für ein Rockkonzert. Hinter ihnen flimmern glatte Jugendgesichter bei clean ästhetisierten Zungenküssen und später auch mal der Hofpräsident im Negativshot über eine hochformatige Design- Leinwand. Sieht alles perfekt nach MTV aus – oder mindestens nach einem Werbespot für H & M: Der VJ wird sicher wieder gebucht.

Dass das vor mehr als 200 Jahren von Luise Miller formulierte Klassenziel heute erreicht sei und „Menschen nur Menschen sind“, wird kein ernst zu nehmender Zeitgenosse behaupten. Aber die „Schranken des Unterschieds“, die die Liebe zwischen dem Adelsrevoluzzer und der bürgerlichen Musikantentochter aus Friedrich Schillers „Kabale und Liebe“ derart existenziell verhindern, dass sich das Paar letztlich mit vergifteter Limonade ins Jenseits befördern muss, wären dann doch nur über sehr holprige Abstraktionsstufen in die Gegenwart zu transportieren.

Insofern kann man sich fragen, ob für Schillers bürgerliches Trauerspiel – sieht man von einer Art angewandtem Literaturunterricht für die Pisa-Klientel mal ab – zurzeit Inszenierungsbedarf besteht. Dafür aber, wie man das Stück auf die Bühne bringt, gibt Falk Richter in der Schaubühne eine plausible Antwort: als Pop-Melodram für die MTV-Generation.

Der Musiker Paul Lemp am Bass und eine imposante Cellistinnen-Combo im attraktiven Schwarzen sorgt dafür, dass kaum ein Satz an diesem Abend ohne musikalische Untermalung bleibt. Auf diese Art wird das jugendliche Revolte-Feeling, das sich angesichts des Schillerschen Verbalfurors nicht mehr recht einstellen will, dramatisch hoch- und runtergeregelt. Es geht nicht um schlichtes Aufblähen hohl gewordener Pathosformeln, sondern um emotionale Dialektik: Je mehr Schmackes Bass und Cello in die Verse puschen, desto stärker glaubt sich der Redner sein Revoluzzer-Pathos selbst. Als Meisterin dieser Disziplin erweist sich Judith Rosmairs Lady Milford. Die sucht ihren ruinierten Ruf in einer derart wohlkalkulierten Mischung aus Selbstmitleid, Angriffskoketterie und Bekenntnisfuror zu rehabilitieren, dass man erst dann wieder realisiert, dass die Revolte eine nostalgische Anleihe von gestern ist, wenn der riesige Ventilator an der Bühnenrückwand seinen Betrieb aufnimmt. Wenn die geläuterte Lady allen höfischen Intrigen entsagt, bläst der Ventilator die Frisuren auf den Zuschauerköpfen gefühlte fünf Minuten lang ordentlich durcheinander: Sturm (und Drang) ist nur noch mit technischem Höchstaufwand machbar.

Man kann das mögen oder nicht, aber fest steht: Mit dem Schachzug des musikalischen Melodrams befreit sich Richter von den lästigen Legitimationszwängen des Realismus. Er schafft eine Brücke zwischen Schiller und, sagen wir, Bushido und muss seine Figuren nicht als gestrig denunzieren. So kann man der resoluten Luise von Lea Draeger das agitpropverdächtige Plädoyer für den freien Menschen abnehmen und Stefan Sterns in seiner charmanten Widerborstigkeit gegenüber den Autoritäten identifikationstauglichem Ferdinand den Wutausbruch, der ein kurz und klein geschlagenes Cello zur Folge hat.

Ebenfalls jugendlich-heutig: Die Story um die Kabalen, die die standesungemäße Liebe nach sich zieht, weil der Hofpräsident von Walter seinen Sohn mit der Milford verheiraten will, rollt zügig in Spielfilmlänge über das oben verglaste und von unten effektvoll beleuchtete Designer-Podest (Bühnenbild: Alex Harb). Richters Strichfassung ist so effektiv, dass man kaum Chancen hat, sich zu langweilen.

Die politische – das heißt bei Richter: die zurzeit heftig diskutierte – Ebene gesellschaftlicher In- und Exklusion wird zwar plakativ, aber wirkungsmächtig behandelt: Zu Beginn, als die politische Klasse noch nicht einmal ahnt, wie man bürgermädchenhafte Bedrohungen überhaupt buchstabiert, unterscheidet man sich äußerlich eher durch gepflegtes Understatement vom Musiklehrer-Volk. Luise und Ferdinand brillieren im grauen Bundfaltenhosen-Partnerlook. Doch je bedrohlicher die Lage, desto feudaler werden die Machterhaltungsreflexe und desto stärker greift die Distinktionsmaschinerie: Die Regierenden packen – die Schiller-Ära lässt grüßen – die samtenen Pumphosen wieder aus. Und Lady Milford demütigt die nunmehr buchstäblich mausgraue Luise im Reifrock-Look.

Einige Figuren in Richters Schiller-Pop-Melodram bleiben eindimensional. Präsident von Walter ist bei Jörg Hartmann ein glatter Fiesling, wie man ihn schon (zu) oft sah. Steffi Kühnert und Kay Bartholomäus Schulze dürfen als Luises Eltern über den Kleine-Leute-Pragmatismus kaum hinauskommen. Und Robert Beyer ist als Präsidenten-Adlatus Wurm zwar der perfekte, aber auch genau jener aufgeräumt-skrupellose Intrigant, wie er im machtpolitischen Schulbuch steht.

Wieder heute bis 7. sowie 10. 12. um 20 Uhr, am 31. 12. um 18 Uhr.

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