Theater : "Molière" spaltet Festspielpublikum

Regisseur Luk Perceval verschmilzt in Salzburg vier Klassiker Molières zu einer aggressiven Tirade über Liebes- und Lebenslust. Vom Publikum gibt es Buhs und stürmischen Applaus.

Moliere
Thomas Thieme als "Er" in "Molière - Eine Passion". -Foto: dpa

Als würde er letztlich doch an die Liebe glauben: "Liebe ist", skandiert der Alte mit Sonnenbrille und Senioren-Windel unablässig, "Liebe ist!". Zuvor hat Thomas Thieme in Luk Percevals Salzburger Festspiel-Projekt "Molière. Eine Passion" stundenlang, einem Mantra gleich, drastische Definitionen des uralten Menschheitsthemas in den Raum geschleudert. Unablässig schneit es in dem gut viereinhalbstündigen Theater-Abend, der vier Klassiker Molières zu einer aggressiven Tirade über enttäuschte Sehnsucht, Liebesschmerz und wütende Lebenslust verschmilzt. Ein Abend der frostigen Leidenschaft, der vom Premierenpublikum am Montagabend auf der Halleiner Perner-Insel teils mit heftigen Buhs, teils mit stürmischem Applaus aufgenommen worden ist.

Der belgische Theatermacher Perceval, der auf der gleichen Bühne vor acht Jahren mit seinem spektakulären zwölfstündigen Projekt "Schlachten!" zu allen Königsdramen Shakespeares' für heftige Reaktionen sorgte, widmet sich diesmal dem Klassiker der französischen Komödie. Die Textvorlage von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel greift dabei Personal und Themen aus Molières Dramen "Der Menschenfeind", "Don Juan", "Tartuffe" sowie "Der Geizige" auf und schmiedet aus den Hauptfiguren einen neuen Protagonisten, schlicht "Er" genannt.

Wütender, zynischer Grobian

Thomas Thieme ist dieser "Er", der dabei, so erklärt es das Programmheft, auch gleichzeitig als Alter Ego des Dichters zu verstehen sein soll: Der Abend als "heimliche Autobiografie" Molières, als Porträt des Komödienschreibers, gesehen durch die Röntgenbrille seines Werkes, die ihn zu einem wütenden, zynischen Grobian voll Selbst- und Welthass werden lässt. Eine These, der sich Autoren, Regisseur und Darsteller mit Verve, Sprachmacht und Lust an der Aggression exzessiv hingeben.

Karin Bracks Bühne wirft die Figuren dabei schutzlos über Stunden hinweg fast ohne Requisiten auf sich selbst zurück: Körper, Stimme und Sprache sind ihr einziges Werkzeug, mit dem die zehn Darsteller um Thieme, Patrycia Ziolkowska, Karin Neuhäuser und Thomas Baden ein drastisches, aggressives und in einzelnen Passagen packend suggestives Theaterpanorama entwickeln. Immer wieder steigert sich Thiemes Sprach-Stakkato in Rap-Rhythmen, die wiederholte Beschwörungsformel "Liebe ist..." wird zu einer Litanei der verzweifelten Hoffnung: "... ist der erste Fick nach dem Sittenverfall, ... ist die Eiszeit - wo krieg ich die Wärme her?".

Säuselnder Heilsbringer

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Foto: dpa

Vor allem Thieme geht in dieser grausamen Studie an die physischen wie psychischen Grenzen und treibt das Spiel bis zur Selbstentäußerung: Als massiger Guru kann er Befriedigung nur mehr passiv ersehnen, nicht einmal mehr die Masturbation gelingt ihm. Dann wieder lassen Bilder absurder Komik den Komödianten Molière durchblitzen: Ein säuselnder Heilsbringer versammelt seine Familie bei tänzelnden Tai-Chi-Übungen hinter sich oder Neuhäuser kommentiert als alternde Hure die unablässigen Fürze des geizigen Menschenfeindes lakonisch mit Kinderliedern.

Bei aller Dichte der einzelnen Bilder bleibt jedoch die Leidensgeschichte des "Molière-Er", die Passion eines Egomanen der Hoffnung, auf einzelne Momente reduziert. Die behauptete "Metamorphose eines Charakters" von der Jugend bis in die Greisenjahre wird wenig greifbar und findet nicht zu einem durchgehenden Spannungsbogen. Die Produktion ist in Zusammenarbeit mit der Berliner Schaubühne am Lehniner Platz entstanden und ist in Berlin in der kommenden Spielzeit zu sehen. (mit dpa)

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