Theater : Monument aus Herz und Seele

Ein Fußballer wird Schauspieler: Begegnungen mit Jimmy Hartwig und seinem Kollegen und Regisseur Thomas Thieme.

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Mächtiger Minimalismus. Jimmy Hartwig macht aus Büchners Woyzeck in Leipzig fast ohne Bewegung ein bewegendes Solo. Foto: dpa

Ein wahres Märchen. Es war einmal das alte „Ciao“, jener Italiener neben der Berliner Schaubühne mit all den Fotos von Willy Brandt und der Lollo und dem Bruno und dem Otto (Ganz & Sanders) an der Wand, und dort sitzt vor Jahren der Schauspieler Thomas Thieme, auch er an der sogenannten Ciaobühne engagiert. Plötzlich öffnet sich die Tür, herein kommt ein etwas gelockter Mann mit dunklerem Teint, einen Sportjournalisten im Schlepptau.

Vielleicht hätte den neuen spätabendlichen Gast nicht jeder sofort erkannt. Aber Thomas Thieme ist, wie alle Großen in seinem Gewerbe, ein Fußballfan. Nur ahnt er, der durch seine Filmrollen (als allmächtiger DDR-Minister in „Das Leben der Anderen“) und als Helmut Kohl im Fernsehen inzwischen berühmt und selber auch Regisseur geworden ist, nur ahnt Thieme damals nicht, dass er gerade seinem eigenen, ungewöhnlichsten Hauptdarsteller begegnen wird. Er steht vom Tisch auf, geht zu dem dunkellockigen Mann und sagt: „Sind Sie Jimmy Hartwig?“

„Gott sei Dank hatte ich schon einiges getrunken“, erzählt Thieme heute, „sonst wäre ich doch nie zu dem Hartwig an den Tisch gegangen!“

Jimmy Hartwig war einmal Fußballprofi und hat mit dem Hamburger SV neben drei deutschen Meisterschaften 1982 den Europacup (heute: Champions League) gewonnen. Außerdem war der aus Offenbach gebürtige Sohn eines farbigen GIs damals ein „bunter Hund“ im DFB-Nationaltrikot (der zweite Farbige, nach dem schon vergessenen Erwin Kostedde). Der Thüringer Thomas Thieme wiederum, der erst Mitte der 80er Jahre als Schauspieler in den Westen ging, hatte in der DDR am Fernseher so oft wie möglich die Bundesliga geschaut. „Und der Hartwig war immer einer meiner Lieblingsspieler: technisch, dynamisch, spielwitzig klasse.“

Etwas Ähnliches wird er ihm damals auch im „Ciao“ gesagt haben. Womit die Begegnung normalerweise zu Ende gewesen wäre. „Aber jetzt“, fährt Thieme fort, „passierte etwas völlig Verrücktes. Ein Fremder am Tisch hinter Hartwig steht nun ebenfalls auf und ruft aus: ,Das ich das erleben darf!’ Es war ein Lottogewinner aus Dortmund, der sich gerade einen Partykeller in sein neues Haus gebaut hatte.“ Und dort spielte er immer Poolbillard, mit den Ex-Nationalkickern Jürgen Kohler und Andy Möller. „Der Lottogewinner lud uns alle ein, es wurde ein längeres Besäufnis; ich saß neben Hartwig und murmelte natürlich auch so was in der Art: Sie waren doch als Nationalspieler der erste oder zweite ... äh ... – und der Jimmy sofort in seinem schlagfertigen Hessisch: ,Du konnst ruisch Nescher zu mir saache!’“

Einen Neger spielt er auch jetzt. Einen weißen Neger namens Woyzeck. Jimmy Hartwig ist Georg Büchners geprügelter Woyzeck, dieser erste Proletarier (und proletarische Philosoph) des Welttheaters. Thomas Thieme hat das in Leipzig zum 20. Jubiläum des Mauerfalls inszeniert, und der etwas prätentiös „Büchner/Leipzig/Revolte“ überschriebene Abend sollte so eigentlich gar nicht stattfinden. Es war zunächst an eine Dramatisierung von Erich Loests Roman „Nikolaikirche“ gedacht, auch sollte der Heldenstadt-Dirigent Kurt Masur irgendwie filmisch mitwirken, doch das hat wohl wegen allerlei Differenzen nicht so geklappt (Thieme über Masur: „Dem hat die Geschichte im richtigen Moment den Fuß hingehalten, und er hat ins Tor geschossen“).

In sehr kurzer Zeit ist stattdessen eine Mixtur aus Leipzigfilmchen, einem kurios anrührenden Altmännerchor mit jungsozialistischen Liedern, einigen Stasi-Anspielungen und, im Zentrum, einem fast monologischen Woyzeck-Solo entstanden. Thieme weiß, „ich habe mich da übernommen“, doch „was der Jimmy macht, ist ganz ungewöhnlich“.

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Foto: p-a / Sven Simonpicture-alliance


Das ist – eine bescheidene Untertreibung. In einem Dschungel aus nachtclubartigen Glitzervorhangsstrapsen steht plötzlich in weißer Unterwäsche mit tätowierten muskulösen Oberarmen der Mensch Jimmy Hartwig da. Er redet Hessisch wie sein Landsmann Georg Büchner, hat die Fäuste wie ein zorniges, panisches Kind geballt, und die mächtigen nackten Beine in den Schnürstiefeln des armen Soldaten Woyzeck wachsen wie umgedrehte Türme in den Boden. Als träumte er einen Alb, exerziert der kaum bewegte Hartwig einen monumentalen Minimalismus. Ein ungeheurer Fall von: äußerster Innerlichkeit. Dieser Woyzeck könnte seine untreue Marie schon durch die Dolche des eigenen Schmerzes umbringen. Ein Liebesmörder mit dem Mond „wie ein blutig Eisen“ im Kopf, der sich Hirn und Herz mit jedem Satz aus der Seele reißt. Eine stille Wucht.

Doch die Inszenierung als unfertiges Ganzes hatte in Leipzig kein Glück. Sie ist dort im Schauspielhaus morgen Abend zum vorerst letzten Mal zu sehen: von der Kritik großteils übersehen und vom traditionellen Leipziger Publikum kaum angenommen. Trotzdem wird Jimmy Hartwig am Ende gefeiert. Was in Berlin, Hamburg, Frankfurt/Main oder München vermutlich ein Kultstück mit einem sehr besonderen Hauptdarsteller wäre, war dort, wo der historische Soldat und Eifersuchtsmörder Woyzeck einst nahe dem heutigen Theater auf dem Marktplatz gerichtet wurde, von einem einsamen Helden nicht mehr zu retten.

Jimmy Hartwig, jetzt 56 und in München wohnend, hat viel durchgemacht und durchgebracht. Nach der Profikarriere gab es Drogen, Abstürze, unzählige Frauen, zwei Ehen, einen Teil seines Geldes haben Berater und angebliche Freunde verzockt, ein Gastspiel als Trainer von Sachsen Leipzig gleich nach der Wende war auch kein reiner Erfolg. Doch er hat drei Krebse besiegt, schwärmt jetzt von seinem sechs Monate alten Töchterlein und ist, als wir uns nach dem Theater treffen, ein sprudelnder Kraftstrotz. Aber kein Protz. Eher ein Ausbund an extrovertierter Herzensklugheit.

Natürlich hat ihn, der sich selber mit seinem Fußballtalent „aus der Offenbacher Gosse“ gerettet hat, der „Woyzeck“ „tief drinnen berührt“. Außerdem, lacht er: „Ich heiße Georg wie Büchner. William Georg Hartwig.“ Nie hat er eine höhere Schule besucht, auch keinen Schauspielunterricht genommen. Aber er schwärmt, dass er „bei dem Büchner am liebsten auch noch ein paar Heine-Gedichte reinschmuggeln“ würde. Den Heine findet er „geil“. Und seinem alten „Ciao“-Freund Thomas Thieme ist er dankbar. Erst hat er ihn zum Ehrenspielführer des Kunst-Fußballteams „F.C. Energie Schaubühne“ gemacht (dessen langjähriger Trainer der linke Ex-Verteidiger Thieme war). Dann hat er ihn unter anderem in Nebenrollen beim Brecht’schen „Baal“ und einmal bei Shakespeare besetzt.

In Thomas Thieme, diesem körperlich und künstlerisch mächtigen Mann mit den Rollen der Macht – auch einigen gespenstisch tollen Shakespearekönigen – steckt im wirklichen Leben ein sehr bedachter, fein formulierender Mensch. Deshalb ist es wohl keine Schnapsidee oder Übertriebenheit, wenn er sagt, dass er „mit dem Jimmy am liebsten mal den ,Othello’ machen würde“ oder ihn als Revoluzzerhauptmann Karl Moor in Schillers „Räubern“ besetzen würde.

Schon mit seinem Woyzeck ist der frühere Mittelfeldstar des HSV der heimliche Schauspieler des Jahres. Und der Othello, Shakespeares schwarzer Eifersuchtsmörder, „wäre mein Fall. Den will ich unbedingt noch spielen!“ Dieses „ums Leben spielen“: bei ihm keine Floskel. Eine „Othello“-Fassung für Thieme und Hartwig soll nun Wolfgang Maria Bauer schreiben, der Dramatiker, Theaterschauspieler und frühere TV-Kommissar Siska. Bauer war Anfang der 80er Jahre auch mal Stürmer bei 1860 München und hat dort neben einem gewissen Rudi Völler gespielt. Und bei 1860 war Hartwig vor dem HSV. Die kulturelle Menschheit ist eine kleine Familie.

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