Theater : New Deal am Nil

Das „Joseph“-Drama nach Thomas Mann im Schauspielhaus Düsseldorf.

Peter von Becker

Die Romansucht, die „Romanenköpfigkeit“ galt in früheren Zeiten als die nicht ungefährliche Besessenheit eher lebensuntüchtiger, allzu literaturversessener junger Menschen; für besonders gefährdet hielt man die durch erzählerische Tiefen gewiss überreizten höheren Töchter.

Auch dem deutschen Theater, das sich oft schwer tut mit neuen Stücken, gelten Romane längst als Drogen. Als Herausforderung, Fantasieersatz und ein bisschen als Botschaft in dem Sinne: Was der Film kann, das wollen wir auch! Erst begann Frank Castorf an der Berliner Volksbühne mit seinen so großen, großartigen Dostojewski-Abenden; dann folgten viele vielerorts, und beim nächsten Theatertreffen kommt aus München Kafkas „Prozess“. Und nun einer der monumentalsten Romane überhaupt: Thomas Manns 2000-seitige Tetralogie „Joseph und seine Brüder“ in Düsseldorf.

Der Dramatiker, Dramaturg und Romanautor John von Düffel („Houwelandt“), der fürs Hamburger Thalia Theater – längst vor der jüngsten Verfilmung – die „Buddenbrooks“ mit Erfolg bearbeitete, schafft es auf 140 Typoskriptseiten tatsächlich, einen schön konzentrierten und fürs Theater spielbaren Eindruck von dem Mann’schen Riesenepos zu geben. Allein hierfür wurde die fünfeinhalbstündige Uraufführung vom Düsseldorfer Publikum am Ende mit Ovationen gefeiert. Eine Inszenierung ist’s von Wolfgang Engel, bis zum vergangenen Sommer Schauspielchef in Leipzig, und ihm hat Olaf Altmann, ähnlich wie bei seinen Bühnenbildern für Michael Thal heimer am Deutschen Theater Berlin, eine Szene aus nichts als blankem hellem Holz à la Kiefer-Birke-Spanplatte gezimmert.

Eine Art Ikea-Arena. Ein Brettergeviert mit wechselnd absenkbaren Bodenteilen mitten auf der Bühne des Düsseldorfer Schauspielhauses, und die Zuschauer sitzen im gleichfalls hellen Licht an den vier Seiten mit auf der Szene, hinter dem Eisernen Vorhang. Keine Kulissen, fast keine Requisiten, nur ein metallischer schwarzer Laternenpfahl ragt aus dem Holz.Ohne jeden Budenzauber soll so die Nähe zu einer sehr fernen, auch den Resten von Bildungsbürgertum kaum mehr geläufigen Geschichte entstehen. Das wirkt allemal: verwegen.

Denn worum geht’s? Thomas Mann hatte sich einst von einer Bemerkung Goethes in „Dichtung und Wahrheit“ inspirieren lassen. Goethe sah in der Josephs-Legende des Alten Testaments einen Stoff, wert über die paar knappen Kapitel des Buches Mose hinaus einmal ausführlicher erzählt zu werden. Eben das hat Thomas Mann, ganz Goethes Erbe, ab 1926 in geradezu faustischer Anstrengung auf sich genommen. Die beiden ersten Romanteile über Josephs Vater Jaakob und Josephs Jugend im Hebräerland erschienen 1933 und ’34 noch in Deutschland: eine biblisch-jüdische Geschichte über Jakob und seine elf Brüder, die die zwölf Stämme Israels begründen: im Nazireich ein letzter, ungeheurer Affront.

Die folgenden Bände „Joseph in Ägypten“ und „Joseph der Ernährer“ kommen bis 1943 im Exil heraus, erst 1949 erscheint in der jungen Bundesrepublik dann das Gesamtwerk unter dem Obertitel „Joseph und seine Brüder“. Eine Saga das Ganze des urbiblischen, urmenschlichen Bruderzwists. Joseph, der Urenkel des Stammvaters Abraham, hält sich von früh an für einen göttlich Erwählten, wird von seinen Brüdern halb tot in einen Brunnen geworfen, später an Handlungsreisende nach Ägypten verkauft, wo der attraktive Sklave zum weisen Verwalter aufsteigt; wo er als Verführter der Frau des pharaonischen Hofherrn Potiphar wieder fällt und endlich doch zum Vertrauten des Pharaos wird. Dem hat er seine Träume von den sieben fetten und sieben mageren Jahren ausgelegt, worauf Joseph als Krisenmanager die größte Wirtschaftsflaute des biblischen Zeitalters meistern darf. Dabei hatte Thomas Mann zum Schluss seines oft bildungsraunend ausschweifenden Epos im amerikanischen Exil durchaus Aktuelles im Sinn.

Joseph der Wirtschaftsweise war für Mann auch ein mythisches Urvorbild des damaligen US-Präsidenten Roosevelt und seines nach der Weltwirtschaftskrise begonnenen „New Deal“. Überhaupt war Manns Perspektive ab 1933: den Nazis das angemaßte Monopol auf „den Mythos aus den Händen“ zu schlagen. Von solchen Assoziationen bleibt in Düsseldorf freilich kaum eine Spur.

Wolfgang Engels respektable Inszenierung aktualisiert nicht und romantisiert nicht. Bis auf ein paar helle Leinenkleider, mit denen sich die Ägypter von den schwarzgrauen, eher an Beckett-Tramps als an Orthodoxe erinnernden alttestamentarischen Juden unterscheiden, gibt es keine orientalisch-exotischen Anspielungen. Auch das moderne Mann’sche Motiv der global agierenden „Zwischenhändler, überall heimisch und nirgends“, für die nur das Leitwort gilt „Nährst du meinen Bauch, ehr ich deinen Brauch“, gerät (schon bei Düffel) nicht ins Spiel.

Stattdessen wird alles von den nur acht Akteuren in wechselnden Rollen licht, leicht, aber auch sehr preußisch-puritanisch dahingebrettert. Armes, klares Theater, mehr Brecht als Brook. Hierzu indes bräuchte es nun sehr tolle Akteure: die ganz aus Körper und Sprache eine Welt entdecken lassen, in der Thomas Mann sich schon keine psychologisch scharf gezeichneten Individuen mehr vorstellte. Sondern den Typus eines zwischen mythischer Vergangenheit und ungewisser Zukunft „verträumten Ichs“.

Dieses träumerische Zwischenreich finden die engagierten, doch nie das vertraute Gestenrepertoire des handfesten deutschen Stadttheaters überspielenden Düsseldorfer Akteure nur immer ansatzweise. Die einzige Frau, Janina Sachau, ist da als liebeshungrige Madame Potiphar keine moderne Kleopatra, sondern (viel zu jung besetzt) ein barmendes Weibchen. Nur Michele Cuciuffo als smarter Joseph bringt, wenn er nicht ins Sentimentalische abgleitet, einen stolz eigensinnigen Ton und einen charmanten Hauch von Al Pacino ins bibeldeutsche Spiel. Ruft er am Ende als jüdischer Ägypter eine Art Toleranzedikt zwischen den Religionen aus, dann spürt man plötzlich, es geht dem Theater auf dem Theater nicht allein ums Theater. Man spielt auch: ums Leben.

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