Kultur : Theater Oberhausen: Der Sand der Dinge

Ulrich Deuter

Bis Essen-Katernberg kam Johann Georg Adam Forster nie, obwohl er auf JamesCooks zweiter Weltumsegelung bis nach Neukaledonien und später, zusammen mit Alexander von Humboldt, bis Unkel bei Bonn gelangte. Aber das Ruhrgebiet ist nicht Tahiti und eine Kokerei kein Südseestrand. Wenn beide, Reiseliterat und Industrieanlage, dennoch zusammen kommen, dann liegt das an ihrem gemeinsamen Wunsch nach Grenzüberwindung.

Die kühne Koppelung von 18. und 20. Jahrhundert, von Aufklärungsunschuld und Großtechnologie, geht auf das Konto des Theaters Oberhausen, das dem 1754 geborenen Aufklärer, Entdecker und Mainzer Jakobiner Forster in der Essener Kokerei Zollverein nun "Orte der Sehnsucht" bereitet: In dem gewaltigen Betonbunker der Mischanlage errichteten Regisseur Klaus Weise und seine Ausstatter Manfred Blößer und Fred Fenner theatrale Installationen kleiner und großer, kalter und heißer, schwebender und abgestürzter Visionen des Anderen, Schöneren, Freieren.

Da weht in einem der Schächte, in denen einst Kohle gemischt wurde, eine Frau zwischen Fall und Flug, eine andere, im üppigen Rokoko-Kostüm, die Frisur gekrönt mit einem Segelschiff, schaukelt an langen Seilen über dem Abgrund, von einer schwarzen Nonne gestoßen. Ein kühles Kabinett zieht ins Innere geometrischer Projektionen, deren Lineal einer durchkonstruierten Welt sich im schwarzen Boden des Abgrunds spiegeln. Der Nachbarraum offenbart ein Boudoir, in dem Schauspieler zwischen roten Samtvorhängen flüsternd die Obszönitäten rezitieren, mit denen Marquis de Sade einst die Grenzen zur neuen Zeit einriss.

Ein Baum hängt wipfelabwärts und verdorrt, auf einem Steg über dem Abgrund steht ein Mann und späht ins Irgendwo. Eisbrocken stürzen von weit oben ins weit Unten, dann spricht er Passagen aus Forsters "Reise um die Welt" (1777), endend mit der Hoffnung, Europa möge die Unschuld der Tahitianer nicht zerstören. Natürlich kam es doch so. Auf dem Grund eines der Schachttrichter schwimmt ein Frauenkopf, vielleicht das abgeschlagene Haupt der Medusa.

Es sind mal stimmig dichte, mal ausgedacht didaktische Minibühnenwelten: ein kleiner Abriss der Dialektik der Aufklärung. Das Theater Oberhausen verfügt über Erfahrung mit derlei ruhrgebietskritischen Outdoor-Inszenierungen. Es führte sein Publikum schon auf die Gipfel von Abraumhalden und in die Niederungen eines Klärwerks und servierte dort heiter-sarkastische Abgesangs-Revuen.

Dass die frühe Industrialisierung einer Glückshoffnung folgte und daher mit den Entdeckungsreisen der damaligen Zeit vergleichbar ist, steht außer Frage, doch die "Orte der Sehnsucht" behaupten diese Verbindung nur. Das Utopieversprechen, das die bäuerliche Auenlandschaft zwischen Emscher und Ruhr in eine menschenvernichtende Megamaschine verwandelte, sieht man der Kokerei Zollverein, die bis zu ihrer Schließung 1993 in Spitzenzeiten fast 9000 Tonnen Koks täglich produzierte, nicht an.

Lediglich eine Art Kumpel-Kenotaph, Dutzende kleiner Fotos von Bergleuten, erinnern an die Tausende, die ins Ruhrgebiet kamen, malochten, starben. Die Texte reichen von der Genesis über Goethes "Werther" und Büchners "Hessischem Landboten" bis zu Rimbaud. Aber eigentlich ist alle Literatur Sehnsuchts-Literatur. Da ist das musikalische Environment, das der Elektronikrocker FM Einheit beisteuert, spezifischer, seine heißen, harten, klirrenden Klänge kulminieren am Grund der Anlage in einem veritablen Rockkonzert, unter den wie riesige Tropfsteine herab hängenden Betontrichtern, unter die einst die Waggons zum Beladenwerden fuhren. Hier mischt sich der Gesang Rica Bluncks mit Berichten von der Suche nach dem sagenumwobenen sechsten Kontinent - einem Land der Seefahrersehnsucht, das es bekanntlich nicht gibt. Will sagen, dass es unter den Eismassen aller gescheiterten Hoffnungen begraben liegt.

Wer keine Hoffnung hat, der hat Musik - auch das Ruhrgebiet salbt seine Wunden mit Kultur. Zeche und Kokerei Zollverein sind längst ein Event-Ort geworden. Wo jetzt Theater gespielt wird, entsteht demnächst eine Disko.

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