Theater : Oh Pein, oh Schmürz

Unsere Autorin Christine Wahl kennt die freie Theaterszene. Ob unter freiem Himmel oder verbunden mit Kulinarischem.

Christine Wahl

Keine schöne Vorstellung: In Boris Vians Text „Die Reichsgründer oder Das Schmürz“ hetzt eine Familie von Rattenloch zu Rattenloch. Ein Domizil scheint heruntergekommener als das nächste; man wird von düsteren Geräuschen aufgescheucht, von Schattenwesen heimgesucht und von einem mysteriösen Nachbarn belauert. Was Wunder, dass nach und nach alle zu Aliens mutieren: Das Virus der Verschmürzung schlägt zu! Zudem wird die Familie auf jeder Fluchtstation kleiner: Erst verschwindet die Tochter, dann die Mutter – und als der Vater schließlich allein zurückbleibt und eine Reichsgründung beschließt, ahnt er mitnichten, dass er im Begriff steht, das Reich der Schmürze zu errichten.

Der Leiter des Orphtheaters, Matthias Horn, hat nun in Boris Vians autobiografischem Stück interessante Verbindungen zur freien Theaterszene entdeckt: „Die Protagonisten der ‚Reichsgründer‘ haben dichtgemacht, gegenüber sich selbst und der Außenwelt“, erklärt er. Und unter solch „pathologischem Realitätsverlust“ leide auch das freie Theater. „Das muss es, wenn es in Anbetracht allgemeiner Verschmürzung weiter Stücke stemmen will – trotz klaustrophobisch machender Etatkürzung und bei kaltem Essen.“ Horn gibt daher seiner Inszenierung „Die Reichsgründer mit Schmürz“ im Orphtheater (10.–13.8./16.–20.8./23.–27.8. und 30.8.–2.9., 20 Uhr) den Untertitel „Ein pataphysisches Hinterhofszenario“ und macht sich gemeinsam mit den Zuschauern zum Versuchsleiter eines szenischen Laboratoriums. Die Schauspieler lassen sich beim Trip in die düsteren Innenwelten nicht lumpen und bieten als Versuchskaninchen bestes Anschauungsmaterial: Ein Akteur laboriert an Gefriertruhen-Fetischismus, sein Kollege ist mit der Wahnvorstellung geschlagen, einen Buckel mit sich herumzuschleppen – ein Krankheitsbild übrigens, das mit der zwanghaften Ausstoßung von Schimpfworten einhergeht. Und den dritten schließlich hat es besonders hart getroffen: Er musste seine Schauspielausbildung abbrechen, weil er stets und ausschließlich für „Woyzeck“ gecastet wurde. Diese Symptomatik macht ohne Zweifel neugierig, welche weiteren Erkenntnisse mit Boris Vian über die freie Berliner Theaterszene anno 2007 zu gewinnen sind.

Kulinarik erwartet Theaterfans auch beim späten Open-Air-Theater-Highlight im Schloss Neuhardenberg nicht. Aber große Schauspiel- und sicherlich auch Verausgabungskunst in lauschigem Ambiente: Martin Wuttke inszeniert mit Jonathan Meese und den verdienten Volksbühnenkräften Kathrin Angerer und Bernhard Schütz unter dem Motto „Erkundungen für die Präzisierung des Gefühls für einen Aufstand“ im Schlosspark (16.-19.8. und 24.-26.8., 21 Uhr) einen Rolf-Dieter-Brinkmann-Abend; ausgehend von dessen Tagebuchnotizen. Kostprobe: „Wer bin ich / Und was? Einunddreißig Jahre und das ist eine lange Zeit, um diese Frage schließlich zu stellen. Und ich stelle diese Frage an nichts und niemanden.“

Danach dürfte man in puncto Tiefenreflexion für die nächste Theatersaison bestens gerüstet sein.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben