Theater : Puppen am Stiel

Katharina Thalbach inszeniert "Wie es euch gefällt" in der Komödie am Kurfürstendamm.

Patrick Wildermann

Shakespeare als reine Männersache, das ist nicht neu. Gab’s schon zu Shakespeares Zeiten, wo Schauspielerinnen nicht wohl gelitten waren und deshalb die Kerle in den Rock schlüpften; für weitere Informationen siehe John Maddens Oscar-Film „Shakespeare In Love“. Jedenfalls kommen Regisseure seitdem gerne mal auf die Idee zurück, wie zuletzt Michael Thalheimer in seiner Zirkusinszenierung von „Was ihr wollt“. Und auch Katharina Thalbach hat vor vielen Jahren bereits den Gender-Diskurs nach elisabethanischer Spielart forciert, mit der Komödie „Wie es euch gefällt“. Was dann bedeutet: Männer spielen Frauen, die sich als Männer verkleiden, in die sich Frauen verlieben. Der gute alte Identitätswahnsinn eben.

Nun probiert die Regisseurin die Sache andersherum: „Wie es euch gefällt“ als Weiberkomödie am Kudamm. Ein großer Spaß mit angeklebten Schnauzbärten und angenähten Schwänzen, wobei man feststellen muss, dass sich der Erkenntnisgewinn durch den doppelten und dreifachen Rollentausch generell in Grenzen hält, weil in Shakespeares Lustspielen sowieso ziemliche Gleichberechtigung in Sachen Liebesblödigkeit herrscht und am Ende alle ebenbürtig als Esel dastehen.

Der Beginn von Thalbachs Aufführung aber ist furios. Sensationell geradezu. In einem Affentempo, das Shakespeare sehr zupasskommt, werden die Verhältnisse skizziert: Der tapfere Bursche Orlando de Boys (Inga Busch) bezwingt – im barbusigen, erotisch irritierenden Kampf – den Hof-Ringer von Herzog Frederick, der seinen Bruder, den Herzog Senior (beide Andreja Schneider) in den Ardenner Wald hat verbannen lassen. Seniors schöne Tochter Rosalind (Jana Klinge) verfällt augenblicklich Orlandos Manneskraft, was aber Frederick gegen den Strich geht, schließlich war Orlandos Vater ein ergebener Anhänger des Verbannten. Die beiden werden ebenfalls vertrieben, wobei sich aus Treue zur Freundin Rosalind Fredericks Tochter Celia (Laura Lo Zito) anschließt. Thalbach zieht dieses Theater der Animositäten und Attraktionen als Commedia dell’arte-Feuerwerk auf (Garderobe: Guido M. Kretschmer) und lässt das Ensemble bis zum Slapstick outrieren. Eine elektrisierende Verfremdung, die einem durchaus selbstironisch und sarkastisch geschliffen den Eskapismus vorführt, der mit dieser Liebesfluchtgeschichte betrieben wird. Auf der Tonspur singt Cindy Lauper „Girls just wanna have fun“.

Schade nur, dass sich die Regisseurin danach ein bisschen verläuft. Wo vor über dreißig Jahren Peter Stein in seiner Schaubühnen-Inszenierung von „Wie es euch gefällt“ das Publikum als Hardcore-Naturalist tatsächlich in den Wald schickte, begnügt sich Katharina Thalbach mit dem durchaus schauprächtigen Kunst-Forst, den ihr Momme Röhrbein auf die Kudamm-Bühne gepflanzt hat. In diesem Zauberwald wachsen nicht nur Kakteen, es sprießen auch die gewollten Stilblüten und Kalauer der wortspielseligen Thomas-Brasch-Übersetzung, die in ihrer derben Volksnähe nicht von der Shakespeare-Intention abweicht.

Aber von nun an heißt es ausschließlich: Scherze statt Schärfe. Das Stück geht schließlich auf einen Schäferroman zurück, und entsprechend belämmert kriegt sich das Waldpersonal erotisch in die Wolle. Orlandos geliebte Rosalind verkleidet sich als Mann Ganymed, in den sich die Schäferin Phoebe (Nadine Schori) verguckt, die wiederum vom tumben Silvius (Karina Krawczyk) begehrt wird. Dazu reist Orlandos Bruder Oliver (Antje Brameyer) an, um schlussendlich Celia freien zu können. Mit Caveman-Anspielungen, Kuckucksuhrrufen und anderen Running Gags macht die Regisseurin aus diesem irrungsreichen Geschlechterreigen, der wie fast alle Shakespeare-Possen auf die Demaskierung der romantischen Posen zielt, eine Fundusschau des Einfallstheaters.

Sicher, das Stück hat starke Narrenfiguren. Mutter Thalbach als Touchstone, auch genannt Zündstein-Sündschwein, schnarrt dadaistische Wortkaskaden im Wichtelkostüm, Tochter Anna Thalbach begrantelt als Schwermut-Jacques mit spitzen Bissigkeiten das Geschehen. Toll gespielt ist der Abend überhaupt, keine Frage. Besonders Inga Busch, die große Pollesch-Aktrice, ist bei ihrem Boulevardausflug als wackerer naiver Orlando eine Wucht, vibrierend vor Energie.

Aus „Wie es euch gefällt“ stammt das berühmte Zitat, demzufolge die ganze Welt eine Bühne sei, wir selbst darauf nur Spieler. Davon aber, dass alles Theater, alle Verkleidung auch Schutzsuche vor der Gegenwart bedeuten kann, erzählt Thalbach leider nur im ersten Akt.

Wieder 20. bis 25., 27. bis 31. Januar in der Komödie am Kurfürstendamm.

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