Theater : Raus aus der Schrumpfstadt

Bitterfeld ist überall: Armin Petras inszeniert seine Tragikomödie "Heaven" im Gorki-Theater.

Christine Wahl

Robert, ein nicht mehr ganz junger Mann mit schulterlanger Blondhaarperücke, springt beherzt in ein leeres Schwimmbecken. Völlig zu Recht wird er dafür im Personenverzeichnis zu Fritz Katers neuem Stück „Heaven“ als „Lebenskünstler“ klassifiziert. Denn in Bitterfeld-Wolfen kann man eigentlich gar nicht anders als unverzagt ins Leere springen, sofern man sein überschaubares Budget nicht zur Motivationstherapie tragen oder aber gleich auswandern will. Zwar hat Ostdeutschland – wie uns Roberts hassgeliebter Kumpel, der Architekt Anders (Max Simonischek), in einem etwas pädagogisch geratenen Einführungsvortrag erklärt – „die höchste Spaßbaddichte der Welt“. Aber um auch Wasser hineinzulassen, reicht es eben nicht immer. Wozu auch: „44 000 1990, 25 000 2005“, zitiert Fritz Kater – Armin Petras’ schreibendes Alter Ego – die demografischen Fakten.

Bitterfeld-Wolfen gehört zu jenen ostdeutschen Schrumpfregionen, aus denen die, die sich für Schwimmbäder, weiterführende Schulen oder Theater interessieren, kontinuierlich abwandern. Hier legt die Bürgermeisterin der Kinobetreiberin nahe, es doch mit Pornofilmen zu versuchen, damit sich mal wieder jemand in die Einrichtung verirre. Das erzählte Armin Petras, der zwecks „Heaven“-Recherchen einen Sommer lang vor Ort campte, kürzlich in einem Interview.

Logisch also, dass es hier nur robusteren Naturen wie dem Lebenskünstler (Ronald Kukulies) gelingt, noch nach der siebzehnten Bauchlandung mit einer ebenso sinnfreien wie grundvitalen neuen Geschäftsidee vorzupreschen. Die Frau (Fritzi Haberlandt) hingegen, zu deren Erbauung er mit seiner schlecht sitzenden Badehose die Kunstsprung-Performance ins Leere überhaupt vollführt, spuckt Blut und zeigt verbundene Handgelenke vor: Simones jüngster Selbstmordversuch geht aufs Konto des Architekten, der sie und die Schrumpfstadt Richtung Amerika verlassen hat. Eine Therapie wäre sicher großartig – wenn der ortsansässige Psychiater Königsforst (Peter Kurth), den Simone schließlich in einem reizenden Girlie-Kleidchen aufsucht, nicht selbst gerade hochnotkomisch mit seiner Gattin Helga (Susanne Böwe) am Suizid gescheitert wäre. Bevor dem Paar der ultimative Absprung gelingt, wird Helga – einer ehemaligen Chemielaborantin der abgewickelten Filmfabrik – leider übel, und ihr Mageninhalt ergießt sich direkt ins Kastenbrillen-Gesicht des Ehemannes. Das sieht zwar nach allem anderen als Katharsis aus, führt Königsforst aber dennoch zu einer unerwarteten Wiedergeburt aus dem Geiste tarzanischer Männlichkeitsmythen: Peter Kurth hüpft und trommelt unter konditionsstarkem Urschreiausstoßen derart auf seinen gut genährten Bauch, dass es niemanden wundern würde, wenn ins leere Schwimmbecken jetzt randvoll Wasser einschösse.

Der Tarzan- ist der trivialste Mythos, mit dem Petras seine Bitterfeld-Wolfen-Studie überblendet hat, die nach der umjubelten Uraufführung im koproduzierenden Schauspiel Frankfurt im September jetzt zur Berlin-Premiere kam. An der Tagesordnung sind biblische Analogien, verbriefte historische und biografische Parallelen, wissenschaftliche Metaphern sowie weltkanonisches Mythengut à la „Tristan und Isolde“. Und wie immer bei Petras sollte man diese lässig anskizzierten Bögen keinesfalls kleinlich aufdröseln, sondern sportlich nehmen: als grob gespanntes Assoziationsangebotsnetz, um den Bitterfelder Raum ein Stück weit ins Universelle zu öffnen. Der Preis dafür ist die petrastypische Ausrisshaftigkeit; bisweilen am Rande der Zerfaserung.

Man kennt dieses Verfahren aus preisgekrönten Abenden wie „zeit zu lieben zeit zu sterben“ oder „we are camera / jasonmaterial“. Drehte Petras die östlichen Vor- und Nachwende-Befindlichkeiten aber dort so lange durch den schrillen Regie-Wolf, bis sie zur tragikomischen Kenntlichkeit entstellt waren, überrascht er bei „Heaven“ stellenweise mit verhältnismäßig ungebrochener Melodramatik. Das ist zwar sympathisch und insofern nachvollziehbar, als es für Rhetorik und Dauerflucht in ironische Distanzen in kulturellen Notstandsgebieten tatsächlich wenig Anlass und Möglichkeiten gibt. Dem Abend aber bekommt das nur bedingt. „Der Mangel an Utopien ist für mich die größte Bedrohung der Menschheit überhaupt“ oder „Ich habe kein Weltbild, ich habe nur eine Reihe von Brüchen in mir gesammelt, an die ich glaube“ – solche Sätze mögen der (Bitterfelder) Realität abgelauscht sein. Aber auf der Bühne klingen sie schnell sentimentaler, als Petras seine Figuren eigentlich angelegt hat. Auch die Wirklichkeit trifft ja, zumindest in fiktionalen Entwürfen, erfahrungsgemäß heftiger ins Zuschauermark, je stärker man sie verdichtet.

Stark ist der Abend folglich dort, wo ihm das gelingt: Eine großartige Tragikomödie beispielsweise, wie Simone Königsforst ihre posttraumatische Depression erklärt und darüber beide in ein schräges Vogelstimmen-Duett abdriften. Oder wie die von Königsforst schließlich Geschwängerte ihrem erfolglos verliebten Lebenskünstler-Freund ihren Babybauch präsentiert und aus dessen Aggression ebenso witzig wie leise ein Versöhnungstänzchen mit Unmengen zweckentfremdeten Rotkäppchen-Sekts wird. Überhaupt: Fritzi Haberlandt! Sie, die bei Petras bis dato vor allem als hinreißende Strumpfhosengöre brillierte, zeigt hier ein neues, tolles Ausdrucksspektrum.

Wieder: 21.11. sowie 9., 20.12., 19 Uhr 30

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