Theater : Revolution ist weiblich

Volker Ludwig erzählt das Leben und Leiden der Rosa Luxemburg: Uraufführung im Berliner Grips-Theater. Sie ist zart, zerbrechlich, klug, eine romantische Träumerin - und herrisch.

Rüdiger Schaper

Die Frauenfrage, sagt Rosa Luxemburg hier einmal en passant zu Clara Zetkin, ist ein Nebenwiderspruch. Die Frauenfrage ist ein Hauptwiderspruch, kommt es wie aus der Pistole geschossen zurück. Die Zetkin hat recht. Was immer man am Ende über die neue Grips-Großproduktion „Rosa“, über diesen biografisch-historischen Reigen und die revolutionären Reminiszenzen, über linke Ironie und Nostalgie auch denken mag: Die Hauptdarstellerin Regine Seidler wärmt das Herz. Ihre Frau Dr. Luxemburg, über drei Stunden lang in jeder der dreißig Szenen präsent, bewegt sich ebenso souverän wie anrührend. Sie ist  verliebt in die schönen Dinge einer Welt in Flammen. Und sie kann herrisch sein, kalt und entschlossen wie die meisten ihrer Männer, denen es immer nur um die „Sache“ geht. Um Politik, Strategie, Kampf und Ego.

Gemeinsam mit der Regisseurin Franziska Steiof stemmt Grips-Chef Volker Ludwig eine Liebeserklärung auf die Bühne. Seit Jahrzehnten hat er sich mit der Idee eines Luxemburg-Stücks getragen. Und das spürt man. Absichtsvoll oder nicht, „Rosa“ zieht eine Summe all der legendären Grips-Erfolge, die immer schon um – wenngleich nicht so berühmte – Frauengestalten kreisen. In der „Linken Geschichte“ ging es eben auch um Macho-Manieren der 68er. „Linie 1“ lebt vom Melodram eines Mädchens aus der Provinz, das in Berlin die große Liebe sucht. Und „Ab heute heißt du Sara“ erinnert an den Überlebenskampf einer Jüdin im Berlin der Nazi-Zeit. Die Stücke sind nach wie vor im Abendspielplan des Grips, und nun kommt „Rosa“.

Sie kommt aus dem Schweizer Exil, wo so viele Sozialisten überwinterten, in das wilhelminische Berlin. Man möchte ihr zurufen: „Fahr mal wieder U-Bahn“. Und wenn die Parteiführer Bebel, Kautsky, Mehring ihr SPD-Menuett hinlegen („Wir sind die letzten Linken/Und drohen zu ertrinken/Im Sumpf der Reformisten/Wenn das Marx und Engels wüssten“), erwacht der Geist der „Wilmersdorfer Witwen“. Auch Grips-Geschichte wiederholt sich als kabarettistische Farce: köstlich die alten Haudegen Thomas Ahrens (Kautsky) und Dietrich Lehmann (Bebel). Die Obersozialdemokraten als Ölgötzen, Witzfiguren, Opportunisten mit Rauschebart – ein bisschen zu gemütlich. Rosas drängender Leidenschaft haben sie nichts entgegenzusetzen. Volker, hör die Signale: Da hat sich in der Sozialdemokratie bis heute nicht allzu viel verändert.

Ein Leben, eine Epoche im Schnelldurchlauf, von Rosas Kindheit in Warschau bis zu ihrer Ermordung 1919 in der deutschen Hauptstadt. Parteitage, Treffen der Sozialistischen Internationale, Untergrund, Hotelzimmer, Gefängnis: Auf ein paar Treppen und Podesten (Bühne: Jan Schröder) blättert ein Dutzend Darsteller Kapitel über Kapitel um. Ermüdend manchmal, weil die Regisseurin kaum Rhythmuswechsel oder einmal einen Moment der Ruhe zulässt.

Irgendwann verliert man dann auch das Drama von Rosa und ihrem Oberrevolutionär Leo Jogiches aus den Augen. Sebastian Achilles führt einen blass-dogmatischen Tyrannen vor, der die Revolution als Ausrede für schlechtes Benehmen, Faulheit und Treulosigkeit benutzt. Rosa hält dagegen – mit überlegener Intelligenz und immer jüngeren Liebhabern. Es gibt relativ viele intime Szenen, aber auch dabei ist stets revolutionäre Eile geboten.

Seht her, was für eine starke, sensible, unabhängige Frau, so hallt es aus den oft mit historischen Daten überfrachteten Dialogen. Auf dem Plakat ist sie als Ché-Guevara-Schattenriss mit rotem Stern zu sehen. Aber Regine Seidler spielt keine linke oder feministische Ikone. Sie bleibt, mit fernen Brecht-Anklängen, fein distanziert. Allein wie die sachte alternde Rosa das Bein nachzieht (eine Behinderung aus Kindertagen), ist um so vieles subtiler als die unausweichlichen Debatten über das korrekte revolutionäre Verhalten und die Gewaltfrage.

In der Tat, ein gewaltiger Stoff. Eine urlinke Geschichtsstunde, die Fakten und Zusammenhänge en masse transportiert und doch eine Menge historisches Wissen voraussetzt. Ludwig erzählt streng chronologisch, nicht assoziativ. Barbara Kremers Kostüme bleiben in der Zeit um 1900, während Thomas Zaufkes Kompositionen (gespielt von der Band No Regrets, mit Grips-Kapellmeister George Kranz am Schlagzeug) softrockig ins Hier und Heute herübergleiten. Sie nennen es ein „Schauspiel mit Musik“, doch am Abend der Uraufführung ergibt sich noch kein entschiedenes Bild.

In ein paar Wochen wird Volker Ludwig mit dem Deutschen Theaterpreis „Faust“ für sein Lebenswerk geehrt. All die anderen Theatermänner seiner Generation, ob Peymann oder Stein, wurden zynisch und bitter. Ludwig nicht. Er hat sich etwas Wunderbares, Seltenes bewahrt: die Freiheit, sich vom Schicksal einer Idealistin berühren zu lassen und der eigenen Geschichte treu zu bleiben. Ab heute also heißt du Rosa.

Wieder heute und vom 26. bis 29. 11.

0 Kommentare

Neuester Kommentar