Theater : Rüpels Traum

Samuel Finzi und Wolfram Koch sind ein Komikerpaar zum Niederknien. Ein Fall für zwei: Gotscheffs "Ubukönig“ an der Berliner Volksbühne.

Christine Wahl

Wer hätte gedacht, dass Physiklehrer derart inspirierend sein können? Der Dramatiker Alfred Jarry führte vor reichlich 100 Jahren mit seinen Mitschülern schon auf dem Gymnasium Stücke auf, die sich um eine nicht eben schmeichelhafte Gestalt namens Ubu drehten – und für die jener Pädagoge Pate stand. Allerdings sind wir damit auch schon beim ersten Problem jedes heutigen „Ubu“-Abends: Leider wäre es nämlich übertrieben zu behaupten, dass man „König Ubu“ – diesem kleinbürgerlich-grobschlächtigen Dragonerhauptmann, der sich, getrieben von seiner Frau, dumpfbackig zum Regierungschef emporrüpelt – den schmalen Pennälerwitz nicht deutlich anmerkte.

Natürlich: Als „Ubu“ 1896 die Pariser Bühne betrat und als erste Vokabel ein sattes „merdre“ (zu Deutsch in etwa: „Scheitze“) aus sich herausrülpste, spielten sich tumultartige Szenen ab. Mit der Persiflage hehrer Theaterkonventionen – „Ubu“ lässt sich bei Bedarf praktisch als Parodie der gesammelten Shakespeare’ schen Werke lesen – waren damals noch wesentlich geschlossenere Türen einzurennen als heute in der Berliner Volksbühne. Was, um alles in der Welt, macht man also anno 2008 mit so einem Stück?

Der Regisseur Dimiter Gotscheff tut in jedem Fall das Bestmögliche. Er legt es seinem Schauspieler-Traumpaar Samuel Finzi und Wolfram Koch zu Füßen. Und wenn diese begnadeten Subtilkomiker als Ehepaar Ubu (!) zum ebenso dilettantischen wie definitiv unaufhaltsamen Aufstieg an die Staatsspitze ansetzen, kann man die Frage nach der Dringlichkeit der Stückwahl im Parkett tatsächlich über weite Strecken erfolgreich verdrängen.

Schon der erste Auftritt hilft dabei ungemein. Hinter einem fast mannshohen durchsichtigen Ballon – die Bühnenbildnerin Katrin Brack hat das Szenario diesmal zur Gänze mit Luftballons bestückt, die sich hervorragend zerstechen und als königliche Sitzsäcke nutzen lassen – schleichen Finzi und Koch an die Rampe. Vorn angekommen, zerplatzt die schöne Illusionsblase umgehend: Ein identifikationstauglicherer Anlass, die stückeinleitende „Scheiße!“ zu konstatieren, dürfte sich für die Zeitgenossen im Volksbühnen-Parkett tatsächlich schwerlich finden lassen.

Sobald der Ballon passé ist, stehen Finzi und Koch nackt an der Rampe und beginnen ihren Machtaufstieg, wie sich das gehört, mit nichts Geringerem als der Urszene. In einer pantomimischen Adam-und-Eva-Nummer werden nach eingehender gegenseitiger Betrachtung der primären Geschlechtsmerkmale die Rock- und die Hosenrolle performativ zugeschrieben. Finzi zieht dabei den Kürzeren und klemmt Schwanz und Hodensack zwar einsichtig nach hinten. Dass das Herz, das Koch – Heiner Müllers „Herzstück“ zitierend – ihm dafür zu Füßen zu legen verspricht, ein denkbar schwacher Trost ist, daran lässt Finzis Mutter Ubu allerdings auch im weiteren Verlauf des Abends keinen Zweifel: Finzi als ehrgeizige Gattin, die ob der Dummheit ihres Mannes heftig zwischen stummer Frustration und stillem Ekel hin und her gebeutelt wird, und Koch als blutwursthungriger Patriarch, das ist schon eine Gender-Performance für Fortgeschrittene!

Im Grunde kann man die Eingansszene exemplarisch für den ganzen Abend nehmen. Dafür, wie Finzi und Koch in roten Pumps zum Herrenanzug – und auch mal die Rollen tauschend – zielsicher über sämtliche Untiefen der Vorlage hinweghüpfen und einen, wo textliche Peinlichkeitsgefahr im Verzug ist, nie auf den erlösenden Slapstick warten lassen. Die Fähigkeit, ziemlich komplexe Sachverhalte mit szenischer Fantasie mal eben in zwei, drei zielsicheren Bewegungen, Gesten, Posen zusammenschnurren zu lassen und dabei auch noch todwitzig zu sein, ohne je den Abgrund aus den Augen zu lassen, auf dem man balanciert, beherrschen Gotscheff, Finzi und Koch zum Niederknien!

Dennoch ist nicht zu übersehen, dass die Reibungsfläche, die textliche Schwergewichte wie „Die Perser“ oder „Iwanow“ bieten, das Trio zu gewaltigeren Höhenflügen inspiriert als der Jarry’sche Schülerhumor. Auch die bedeutungsschweren Müller-Zitate um Macht- und Mordmechanik, die Gotscheff der kleinen Aufstiegsgroteske einflicht, hieven den Schwank nicht in gehaltvollere Regionen.

Dennoch: Die Volksbühne kann sich überglücklich schätzen, dass Gotscheff, der schon mit Highlights wie „Iwanow“ im Repertoire recht einsam den Ruf des Hauses hochhält, Castorf die Treue hält. Unter den letzten Neuinszenierungen ist dieser „Ubu“ trotz aller Einwände auf weiter Flur mal wieder ein Grund, dieses Haus zu besuchen.

Wieder heute sowie am 28. 5. und 5. 6.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben