Theater : Schatzi-TV: Kosovo-Theaterabend im Berliner HAU

Frieden geht anders: „Hotel Prishtina“ - im Berliner Hebbel am Ufer

Patrick Wildermann
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Wartezone. „Hotel Prishtina“. Foto: HAU

Auch so kann ein Kampf aussehen: Einander gegenüber, auf zwei Sockeln, stehen ein Ventilator und ein Heizstrahler, die in unermüdlicher Energievergeudung um die Temperaturhoheit wetteifern, und wer sich zwischen die beiden begibt, bekommt zuallererst das Gefühl, dass hier dringend mal jemand die Stecker ziehen sollte. „Hot & Cold“ heißt diese Installation des kosovarischen Künstlers Dren Maliqi, die man für plakativ halten mag, wie auch ein weiteres Werk von ihm, das in grauer Schrift auf grauem Grund nur schemenhaft das Wort „Hope“, Hoffnung, erkennen lässt. Aber entziehen kann man sich seiner Kraft nicht, diesem radikal persönlichen Blick, den der junge Mann aus Pristina auf sein Land wirft, das zerrissen scheint zwischen den Extremen, zwischen Aufbruchseuphorie und lähmender Resignation, Hitzewelle und Kälteschock.

Die Ausstellung „48 Stunden Kunst“ von Dren Maliqi steht am Beginn des Projektes „Hotel Prishtina“, das Isabel Raabe und Franziska Sauerbrey konzipiert und kuratiert haben und das nun zwei Tage lang im Hebbel am Ufer gastierte. Auf der Hinterbühne des Hauses an der Stresemannstraße ist eine Lobby mit roten Teppichen und Wandbehängen eingerichtet, die überlebten Grandhotelcharme verströmt, eine nostalgische Gemütlichkeit mit ramschigem Mobiliar unter gewaltigem Kronleuchter. Es ist ein Transitraum für Kultur- und Polittouristen, der die Fremdheit erst gar nicht zu kaschieren versucht, mit der man aus westlicher Warte auf den Kosovo blickt, diese jüngste europäische Republik, die am 17. Februar 2008 ihre Unabhängigkeit erklärt hat und die noch immer unter den Folgen jenes Krieges leidet, der zehn Jahre zurückliegt und über dessen Notwendigkeit und Legitimation bis heute gestritten wird.

Im Hotel Prishtina wird man mit dem Nationalgetränk Raki ebenso versorgt wie mit politischen Basisinformationen, es gibt süßes Gebäck, eine singende Minibar und jede Menge Zahlen und Fakten zu Gegenwart und Historie des Kosovo, es wird in sogenannten „Lobby-Talks" über die Kunstszene, die Zivilgesellschaft, die Unabhängigkeit diskutiert. Bloß Gewissheiten werden nicht serviert, stattdessen erlebt man eine Polyphonie der Stimmungen und Meinungen, was ja passt zu einem Land, in dem es nicht ungewöhnlich ist, einen Satz auf Türkisch zu beginnen, serbisch fortzusetzen und albanisch zu beenden.

Die Schauspieler Nina Kronjäger und Henning Vogt führen durch ein Video-Sightseeing, für das verschiedene Künstler und Theoretiker markante Schauplätze Pristinas porträtiert haben. Unter anderem diese Fernreise auch zu dem im vergangenen Jahr enthüllten, riesigen Obelisk, der das Wort „Newborn“ formt, neugeboren – was in vielfacher Hinsicht den Entwicklungszustand des Kosovo trifft, in dem nach Schätzungen ein Drittel der zwei Millionen Einwohner jünger als 16 Jahre ist. Nicht minder erhellend aber ist die Perspektive der zahlreichen Exil-Kosovaren – wohl ein Viertel der Bevölkerung –, die „Schatzis“ genannt werden und von denen einige in der Interview-Dokumentation „Schatzi-TV“ zu Wort kommen: Praller Stolz auf die Historie des einstigen Illyrien scheint da ebenso auf wie krudes Unbehagen an der Gegenwart, wenn etwa ein düster dreinblickender Mann erzählt, die jungen Mädchen liefen im Kosovo heute fast nackt herum, tja, „das ist Demokratie“.

Ungemein faszinierend, teils absurd komisch ist auch der Text „Briefe aus dem Kosovo“, der auf einer Korrespondenz basiert, die Kathrin Röggla mit kosovarischen Briefpartnern geführt hat. Die österreichische Autorin spürt darin der Rolle der „Internationalen“ im Kosovo nach, den zahlreichen Nichtregierungs-Organisationen, die eine Art Parallelgesellschaft errichtet haben, „eine hybride Machtmaschine“, wie es einmal heißt, „die ihre eigenen Abhängigkeitsverhältnisse schafft“. Humanitäre Hilfe oder Neokolonialismus? Es drängen die kosovarischen Vorurteile gegenüber diesen Sozialsöldnern ans Licht („Sie trinken Bier aus riesigen Krügen“, „Sie ficken ihre Übersetzerinnen“), und am Ende steht der bittere Witz, der in Pristina kursiert: Was ist der Unterschied zwischen den Vereinten Nationen und der Mafia? Die Mafia ist viel besser organisiert.

So viel man auch erfahren mag: Ein Hotel verlässt man nicht als Heimatexperte. Und für manches Schicksal bleibt hier kein Raum. Für das von Mehmet Behluli etwa, der als Kunstdozent aus Pristina an einem Lobby-Talk teilnimmt. Es geht um die Frage, weshalb Behluli selbst nicht mehr als Künstler tätig ist, und weil die Zeit davonläuft und Behluli nicht so recht auf den Punkt kommen will, reicht der Moderator Manfred Eichel schnell mal die Geschichte nach: Das gesamte Werk dieses Mannes wurde während des Krieges zerstört.

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