Theater : Schlage deinen Nächsten

Familiensachen: Regisseur Roger Vontobel inszeniert „Alle meine Söhne“ am Deutschen Theater, Dimiter Gotscheff „Der Mann ohne Vergangenheit“

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Falsche Finnen. Wolfram Koch als Mann ohne Gedächtnis, Samuel Finzi als Prostituierte und Andreas Döhler als brutaler Schläger (und später auch als Hund). Foto: Lieberenz
Falsche Finnen. Wolfram Koch als Mann ohne Gedächtnis, Samuel Finzi als Prostituierte und Andreas Döhler als brutaler Schläger...

Man könnte den Regisseur Roger Vontobel als eine Art Dieter Wedel des Stadttheaters bezeichnen. In Dresden holte der 33-Jährige aus Schillers „Don Carlos“ gerade einen hochmodernen Politthriller heraus. In Bochum vergegenwärtigte er vier griechische Tragödien zu einer süffigen Antiken-Soap mit Breitwandvideo und stylishen Hinterzimmern, bei der auch ohne Textvorkenntnis jeder Wimpernschlag des Armani-Trägers Ödipus bis ins letzte Detail plausibel wird.

Sucht man den direkten ästhetischen Gegenpol zu Vontobel, der bewusste Vereinfachungen gleichwohl von platten Simplifizierungen zu unterscheiden versteht, landet man bei Dimiter Gotscheff. Wo Vontobel heranzoomt, öffnet Gotscheff antike Stoffe so weit wie möglich ins Abstrakte, lässt sie bewusst in ihrer Monstrosität und Fremdheit stehen. Und wo Vontobel sich dem filmischen Realismus nähert, unterzieht sich Gotscheff immer wieder der gemeinhin rar gewordenen Anstrengung, Texte in verdichtende Bilder und szenische Vorgänge tatsächlich regelrecht zu übersetzen.

Das Deutsche Theater bringt nun zum Jahresausklang beide Regiestile an einem einzigen Premierenwochenende zusammen: Dimiter Gotscheff holt mit dem „Mann ohne Vergangenheit“ den Film des erklärten Heiner-Müller-Fans Aki Kaurismäki aus dem Jahr 2002 auf die große Bühne. Und Roger Vontobel verpflanzt in den Kammerspielen Arthur Millers ersten großen Broadway-Erfolg „Alle meine Söhne“ von 1947 auf eine rechteckige Rollrasenfläche.

Das grüne Idyll gehört der Wohlstandsfamilie Keller, über die – Ibsen lässt grüßen – ein Vergangenheitsgespenst nach dem anderen hereinbrechen wird. Die Zuschauer, die im Viereck um die Bühne von Claudia Rohner herum sitzen, sollen sich dabei offenbar als direkte Nachbarn der Keller-Family fühlen. Gerade hat Chris (Daniel Hoevels) seiner Kinderfreundin Ann (Meike Droste) einen Heiratsantrag gemacht.

Das junge Glück hüpft strahlend über die Wiese und lässt sich freiwillig aus real existierenden Rasensprenkleranlagen benässen. Die einzige, deren tapfer dauerlächelndes Gesicht sich angesichts solch unschuldiger Liebesspiele schlagartig verdüstert, ist Chris' Mutter Kate (Ulrike Krumbiegel). Denn eigentlich war Ann die Geliebte von Chris’ Bruder Larry, einem vermisst gemeldeten ehemaligen Kriegspiloten, an dessen Rückkehr Kate mit nahezu pathologischer Entschlossenheit glaubt. Weil Ann aber nicht nur die Freundin der Keller-Söhne, sondern auch die Tochter von Joes früherem Geschäftspartner Steve Deever ist, platzt auf dem Rollrasen zwischen Fallobst, Rugby-Bällen und recht nahe liegenden choreografischen Familienaufstellungen gleich noch eine andere Lügenblase: Die Schuld am Absturz mehrerer amerikanischer Kriegsflieger, die Steve Deever im Gefängnis absitzt, trägt in Wahrheit Chris’ Vater Joe. Er hat es zu verantworten, dass damals fehlerhafte Flugzeugteile an die Armee geliefert wurden.

Dass man Joe Keller das eigentlich schon viel früher angemerkt haben könnte, weil Jörg Pose ihn als einen alerten Typen spielt, der seine Familie wahrscheinlich schon für eine gute Pointe verraten würde, ist nicht das Hauptproblem der Inszenierung. Vielmehr wird im Programmheft Millers Stück lässig mit dem Drama um den Milliardenbetrüger Bernard Madoff parallelisiert, dessen Sohn Mark sich in seinem New Yorker Apartment erhängt hat. Und genau in einer solchen ungefähren, diffusen Heutigkeitsbehauptung sitzt auch die Inszenierung fest. Der Rollrasen mutiert zur Kampfarena, in der man sich gegenseitig an die Gurgel springt, wobei die enttäuschten Blicke und bebenden Münder auf Videowänden vergrößert werden. Statt Gegenwart gewinnt man aber nur den Eindruck leicht kitschiger Fernsehdramatik von gestern.

Möglichst weit weg von jedwedem filmischen Realismusverdacht wollte hingegen Dimiter Gotscheff dem „Mann ohne Vergangenheit“ zur autonomen Bühnenexistenz verhelfen. Allerdings ist Kaurismäkis Film, eine Art Wiedergeburtsgeschichte mit Symbolgehalt, selbst schon sehr theatral und bewusst antirealistisch: Ein Mann verliert bei einem Überfall sein Gedächtnis, wird von den Bewohnern einer Containersiedlung wieder aufgepäppelt, verliebt sich in eine spröde Heilsarmistin und handelt bei dieser Gelegenheit – in angemessen lakonischen Kaurismäki-Dialogen – die Grundkonstituenten der menschlichen Existenz ab: Identität, Liebe, Arbeit, Lebenssinn.

Man merkt Gotscheffs Inszenierung das Bewusstsein für die Fallen der Vorlage deutlich an. Um drohenden Sozialkitsch zu vermeiden, sind die prekären Existenzen aus der Containersiedlung niemals ausschließlich warmherzige Individuen. Vielmehr switchen Margit Bendokat, Andreas Döhler, Michael Schweighöfer, Harald Baumgartner und Samuel Finzi lässig von der schnippischen Arbeitsamtangestellten zum Mietabzocker oder vom Heilsarmisten zum unangenehm devoten Hund und dürfen dabei ausdrücklich nicht nur positive Energien offenbaren. Auch ist es zunächst weniger die Nächstenliebe als eine Art hobbysoziologische Neugierde, die die Containerbewohner umtreibt, wenn Wolfram Koch als kopfbandagierter „Mann ohne Vergangenheit“ von der Unterbühne auf die Szene emporgefahren wird.

Zweifellos leisten Gotscheff und seine Schauspieler an diesem zweistündigen Abend viel szenische Detailarbeit; mal lauter und mal leiser, mal kabarettistischer und mal ausdifferenzierter, mal lustiger und mal zäher. Sie ragen zum Beispiel als finnische Saunafreaks zwischen entsprechenden Bodennebeln aus meterhohen Kunststofftaschen heraus, zu denen die Bühnenbildnerin Katrin Brack die Containersiedlung sinnfällig verkleinert hat. Samuel Finzi gibt eine fein minimalistische Nutte mit entsprechendem Kopf- und Hüftschwung, während Wolfram Koch als angenehm still in sich hineinfragender Hauptakteur und Almut Zilcher als schüchterne Heilsarmistin Irma zu livemusikalischer Untermalung schöne Tangos auf die Bühne zaubern. Aber über mildhumorige Unterhaltsamkeit kommt der Abend, der auch so seine Längen hat, nicht hinaus.

Die entscheidende Frage, warum Miller und Kaurismäki hier und heute unbedingt auf die Bühne mussten, versinkt in leiser Milde unter der vorweihnachtlichen Schneedecke.

„Alle meine Söhne“ wieder am 20. und 21. Dezember., „Der Mann ohne Vergangenheit“ wieder am 9. Januar.

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