Theater : Schon wieder im falschen Film

Es ist, mit einem Wort, große Filmgeschichte: Stefan Pucher versucht sich im Gorki-Theater an "M – Eine Stadt sucht einen Mörder“.

Andreas Schäfer

Es ist wie in „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Man schlägt die Augen auf und sitzt schon wieder in einem Theaterabend, der einem bekannten Film nachempfunden ist. „Das Fest“, „Das große Fressen“ „Breaking the Waves“, „Gegen die Wand“. Dieses Mal wird im Berliner Maxim-Gorki-Theater unter der Regie von Stefan Pucher der Fritz-Lang-Klassiker „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ gegeben. Das ist der Film aus dem Jahr 1931, in dem der junge Peter Lorre mit weitaufgerissenen Schreckensaugen beim Blick in den Spiegel entdeckt, das jemand „M“ auf seine Schulter geschrieben hat. Das ist der Film, in dem eine zähnefletschende Meute in einem hysterisch aufgepeitschten Berlin fordert: „Aufhängen, das Schwein.“ Das ist auch der Film, über den der Regisseur Romuald Karmakar schrieb: „Dieser Film ist Weltkulturerbe, nicht offiziell, aber im Herzen aller, die das Kino lieben.“ Das ist, mit einem Wort, große Filmgeschichte.

Nun stehen also die Schauspieler Daniel Lommatzsch und Peter Moltzen in zu engen Anzügen auf der Bühne, gehen sich gegenseitig an die Gurgel und beschimpfen sich als Mörder, spielen also einzelne Szenen übertrieben nach (um sich erst mal über die Dreißiger- Jahre-Rhetorik des Films lustig zu machen?). Man sieht die Schauspielerin Michaela Steiger, herausgeputzt wie eine Diva aus der Nazizeit, wie sie sich auf einem Sofa räkelt und mit sadistischer Kontrolllust „Wir brauchen Razzien. Viel mehr Razzien“ zischt (um auf die Instrumentalisierung des Films durch die Nationalsozialisten hinzuweisen oder irgendeine Aktualität zu behaupten, von wegen mehr Sicherheit?).

Dann taucht Daniel Lommatzsch wieder auf und erzählt eine Geschichte aus dem Jetzt: wie er mal im Flugzeug neben einem arabisch anmutenden Mann saß und sich kurz vor einem terroristischen Anschlag wähnte (um den Paranoia-Bogen bis in die Gegenwart zu spannen?). Zwischendurch sieht man auf mehreren Projektionsflächen Film auf der Bühne: Ausschnitte aus dem Original, überblendet mit Straßenszenen aus dem Berlin von heute, dazwischen Aufnahmen von einem Stadtmodell in Schwarz-Weiß. Schließlich taucht Peter Kurth als Mörder auf, hetzt über ein Laufband, auf der Flucht vor dem Dämon in sich, und pfeift immer hektischer das „Peer Gynt“-Motiv, mit dem sich bei Fritz Lang der Mörder verrät.

Ursprünglich sollte diese Inszenierung nicht im Theater, sondern draußen im echten Leben stattfinden, in der Straßenbahn, auf Plätzen und an einschlägigen Orten der großen Stadt Berlin. Doch dann klappte etwas nicht, und nun merkt man dem statischen, hilflos mit medialen Effekten und den naheliegendsten Zeitbezügen herumfuchtelnden Abend in jeder seiner fünfundsiebzig sterilen und langen Minuten an, dass er sich am liebsten selbst abgesagt hätte.

Täglich, bis 16. Juni. Dann wieder am 23., 24., 27. und 30.6., 19.30 Uhr.

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