Theater : Spielen heißt kämpfen

Enthusiasten haben eine polnische Bühne in Berlin etabliert: das Teatr Studio.

Nicole Köstler
Traumtänzer. Janina Szarek, Olav Münzberg auf dem Theaterdach.
Traumtänzer. Janina Szarek, Olav Münzberg auf dem Theaterdach.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Am Salzufer in Charlottenburg liegt Deutschlands einzige deutsch-polnische Studiobühne, das Teatr Studio. Seit sechs Jahren zeigen Janina Szarek und Olav Münzberg, die künstlerischen Leiter, dort vor allem Stücke polnischer Dramatiker. Die Prinzipalin hat einen energischen Gang. Sie ist Schauspielerin, Regisseurin, vor allem aber Kämpferin. Eine Studiobühne ohne Fördermittel aufzubauen, dafür braucht es Strategie und Improvisationsvermögen.

Ihr Weg zum Theater hat schon in dem kleinen Ort an der ukrainischen Grenze begonnen, in dem sie in den fünfziger Jahren aufwuchs. So bildhaft, wie sie von der verwinkelten Schnapsbrennerei des Vaters erzählt, wo sie Platz zum Spielen und Träumen fand, sieht man ihn fast vor sich. Vom nur fünf Kilometer entfernten Todeslager Belzec, das auch die Geschichten der Erwachsenen prägte. Nach einem Studium der Theaterwissenschaften und Polonistik gelang Szarek der Sprung an die Schauspielschule in Krakau.

„Polen in den siebziger Jahren hatte ein großartiges Theater. Tadeusz Kantor. Andrzej Wajda. Das war europäische Avantgarde. Und meine Umgebung“, schwärmt sie. Ihr erstes Engagement bekam Szarek am Breslauer Stadttheater. Dort traf sie auch mit den Regiegrößen Jerzy Grotowski und Krystian Lupa zusammen, die damals noch am Anfang ihrer Karriere standen. Grotowski formte sein „Theater der Armut“, Lupa arbeitete an einem grotesken Realismus.

Beide verlangten von ihren Schauspielern höchste physische Präsenz. Nächtelang diskutierten sie über Theater, aber auch über Politik. Nach den Streikbewegungen der Gewerkschaft Solidarnosc aber drohte Janina Szarek an der Enge Polens zu ersticken. Im Frühjahr 1981 ging sie für ein halbes Jahr nach Westberlin. Am 13. Dezember rief General Jaruzelski das Kriegsrecht aus. Auf einmal stand Janina Szarek vor der Entscheidung ihres Lebens: Bleiben oder zurückkehren. „Das war eine Situation wie in der griechischen Tragödie.“ Sie entschied sich für Berlin. Schnell knüpfte sie Kontakte in die deutsch-polnische Theaterszene um Henryk Baranowski, gründete eigene Gruppen und unterrichtete.

1997 lernte sie Olav Münzberg kennen. Er lebte seit 1962 in Westberlin, war Religionswissenschaftler bei Klaus Heinrich an der FU, Mitherausgeber von „Ästhetik und Kommunikation“, Schriftsteller, Kulturwissenschaftler. Auch sein Bezug zu Polen ist biografisch. 1938 wurde er in Gleiwitz geboren, 1946 kam er als Flüchtlingskind nach Deutschland.

Gemeinsam mit ihm baute Szarek 2002 zunächst die private, staatlich anerkannte „Transformschauspielschule“ auf. Sie ist für Regie und Schauspiel zuständig, er für Theorie und Dramaturgie. Die Einnahmen fließen in die Studiobühne. Als Polen 2004 der EU beitrat, eröffnete das Teatr Studio mit Tadeusz Rózewiczs „Die weiße Ehe“, einem polnischen „Frühlingserwachen“. Zur Premiere reiste der damals 83-jährige Dramatiker persönlich an.

Das deutsche Theater ist Szarek oft zu verkopft. „Die Polen“, sagt sie, „sind wie kleine Kinder, sie sind emotionaler. Die Deutschen sind viel reifer. In der Politik sind die Polen nicht sehr gut. Aber in der Kunst hat man diese Verrücktheit.“ Diese künstlerische Naivität legt sie auch ihren Studenten nahe. Auf der Bühne des Teatr Studio stehen junge Menschen, die schon einige Kämpfe führen mussten und diese Energie auch in ihr Spiel übertragen. Das Teatr Studio ist aber auch Zufluchtsort für viele ältere polnische Künstler und Intellektuelle. Ein Handkuss hier. Eine Umarmung da. Und überall ein Czesc – Hallo. Nicole Köstler

Salzufer 13/14. Am Sonntag, 18. April, 20 Uhr, Premiere von Slawomir Mrozeks „Emigranten“. Infos: www.teatrstudio.de

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