Kultur : Theater – Therapie

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Peter von Becker über Schein und Nichtschein in Dänemark

Als ein eifersüchtiger (oder puritanischer) Gott den Baum der Erkenntnis pflanzte, der schönen nackten Eva seinen Assistenten, die Schlange, schickte und die Geschichte mit dem Apfel erfand, war die reine Natur am Ende. Seitdem regieren Schein und Scham, braucht die Fülle die Hülle, braucht das Leben die Kunst. Und es ist ein uralter Traum, dass Sein und Schein sich harmonisch wieder vereinen mögen.

Trotzdem kann die Trennung von symbolischem Tun und realem Handeln auch ein Segen sein. Wer weiß, wie diktatorisch und kopfwütig manche große Künstler (und auch mittelgroße Regisseure) zu sein vermögen, der ist manchmal richtig dankbar, dass diese Damen und Herren nur im Reich der Imaginationen herrschen. Und nicht in der Politik oder anderen Untiefen des Lebens. Das ist ja das Schöne und Urkindliche beispielsweise am Theater, dass am Ende der Vorstellung alle Toten wieder auferstehen – und mit ihren Mördern einen Wein trinken gehen und darüber lachen können.

Trotzdem spielen Schauspieler auch ums Leben, selbst wenn sie nur zum Scheine morden, huren, lieben, träumen. Ihre Kunst ist die Verwandlung, auf dem Existenzgrat zwischen Täuschung und Enthüllung, Rolle und Sein. Was aber ist, wenn auf der Bühne die Darstellung dem Dasein, die Kunst der schieren Natur weicht? Dann ist das Spiel meist zu Ende. Jetzt hat der Regisseur Stefan Bachmann in Kopenhagen am Königlichen Theater den „Hamlet“ mit einer geistig behinderten Ophelia-Darstellerin besetzen wollen. Es kam zum Eklat, das Drama vom Dänenprinzen wurde in Dänemark: gestrichen.

Ophelia wird bekanntlich irre an Hamlet und der mörderischen Männerwelt, sie bringt sich um. Opheliens Wahnsinn, gespielt von einer jungen Frau mit Down Syndrom – wir wissen nicht, was dieser Akt für die Betroffene bedeutet. Sie wäre jedenfalls durch die pure physische Existenz schon die Außenseiterin, nicht erst durch ihre Rolle, ihr Spiel. Damit aber wird die Grundverabredung des Theaters in Frage gestellt: dass es eine Differenz gibt zwischen Kunst und Realität und das Publikum zwischen beidem vergleicht, in dieser Spannung und Spanne sein Urteil bildet. Dieser Spiel-Raum ist auch der Freiraum, die Freiheit des Theaters. Der andere Fall macht den Zuschauer unfrei, er ist durch die Konfrontation mit dem physisch Vorgegebenen im Unabänderlichen gefangen und befangen, schon sein Mitgefühl ist gleichsam moralisch erpresst. Und wenn der Akt eine Befreiung für die Betroffene wäre? Dann wäre doch das Leben, nicht das Theater die Therapie.

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