Theater : Therapiestunde

Die Schaubühne zeigt das Kriegsstück „Tommy“, indem Abenteurer in den Krieg ziehen. Schauplatz ist das ehemalige Jugoslawien. Die Inszenierung könnte als Hörspiel durchgehen.

Patrick Wildermann

Abenteuerlustig ziehen sie in den Krieg, der keiner ist, frivole Bumslieder auf den Lippen und ziemlich blauäugig unter dem gleichfarbigen Helm. Tommy und seine Kameraden, kindliche Kerle Anfang 20, sind dänische Soldaten auf Uno-Mission im ehemaligen Jugoslawien. Sie kommen, um den brüchigen Frieden zu sichern und müssen feststellen, dass sie als Hilfstruppe so unerwünscht wie überfordert sind.

Der junge Dramatiker Thor Bjørn Krebs hat sich durch die trunkenen Bekenntnisse eines ehemaligen Mitschülers, eines zurückgekehrten KFOR-Soldaten, zu seinem Stück „Tommy“ inspirieren lassen. Seine Heimat-Recherchen unter Militärs führten Krebs tief ins Traumaland, er sah Videotagebücher, hörte Berichte unbewältigter Tragödien – und konnte selbst kaum glauben, dass in den Fußgängerzonen einer Wohlstandsgesellschaft unerkannt die seelisch Schwerverwundeten spazieren.

Regisseur Benedikt Haubrich richtet das Doku-Drama als deutsche Erstaufführung im Studio der Schaubühne betont nüchtern ein, verzichtet fast ganz auf theatralische Effekte zugunsten einer Inszenierung, die sich auch um einen Hörspielpreis bewerben könnte – was erst mal dem Text durchaus dienlich ist. Der einzige ausgestellte Regie-Einfall, eine blutige Travestie-Nummer am Ende, wirkt entsprechend deplatziert. Im neonbeleuchteten Seminarraum von Bühnenbildnerin Magda Willi nimmt das Publikum an einer Art Therapiestunde zur Bewältigung des posttraumatischen Stresssyndroms teil. Die drei Schauspieler in ihren Zivilklamotten erzählen auf dem grauen Teppich in der Mitte vom Einsatz im Vielfrontengebiet oder setzen sich zu den ringsum gruppierten Zuschauern in die erste Reihe.

Bettina Hoppe und Sebastian Schwarz wechseln in diesem Reportagestück beständig die Rollen, spielen Tommys Vater und Mutter, Militärseelsorgerin und Kompaniechef, Sanitäterin und Rekrutenkumpel. Stefan Stern hingegen bleibt Tommy, der junge Jedermann, der sich die Hände schmutzig macht und nicht zurückfindet. Sie sind um einen lapidaren Ton bemüht, indes auf die Empörungswirkung ihrer Worte sehr bedacht.

Es ist ja auch Irrsinn, was sie schildern. Wie die Blauhelme da, zu Neutralität und Waffenruhe verdammt, provoziert und beschossen werden, lässt tatsächlich aufhorchen. Nicht so die Gräuelberichte über abgerissene Gliedmaßen, über Exzesse innerhalb der Friedenskompanie. Von Leichenschändung und Suff bei Nato- und UNO-Einsätzen erzählt auch die Nachrichtenwirklichkeit, bloß eindringlicher. So bleibt ein zwiespältiger Eindruck: ein ambitioniertes Stück, sicherlich. Aber auch das Gefühl, wieder einmal die Krisenregion als Betroffenheitstankstelle für Jungautoren zu erleben, die sich da mit einer Bedeutsamkeit volllaufen lassen, die ihr Alltag nicht hergibt. Patrick Wildermann

Wieder heute sowie am 6. und 7. 10.

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