Theater Thikwa : Verliebt, verrückt, verloren

Vier Träume hatte der weiße Clown, laut ruft er ihre Schönheit und ihre Schrecken hinaus: Der erste handelt von Herrn Nijinsky, der nächste vom Körper, der an die Decke gemalt ist. Als Drittes träumt er vom Mann mit den zwei Gesichtern. Und zuletzt vom brennenden Pferd.

Eva Kalwa
Brennendes Pferd
Der weiße Clown (Peter Pankow, rechts) denkt an die Nacht. -Foto: Martin Pfahler

Berlin„Brennendes Pferd“ lautet der Titel der ersten Theaterarbeit der Filmemacherin, Kamerafrau und Autorin Elfi Mikesch, die im Theater Thikwa zu sehen ist. Die „Partitur aus dem Leben von Waslaw Nijinsky“ ist nicht nur ein traumverlorenes, durchscheinend zartes Gewebe aus dem wechselvollen Leben des russischen Balletttänzers. Sie ist auch ein herzbewegendes, tragikomisches Kaleidoskop der überlebenswichtigen Hoffnungen und Sehnsüchte und der verborgenen Ängste und Abgründe jedes Menschen.

Seit 1990 machen und spielen im Thikwa (Hebräisch für „Hoffnung“) Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam Theater. Vor elf Jahren hatte Mikesch in dem preisgekrönten Dokumentarfilm „Verrückt bleiben, verliebt bleiben“ ein berührendes Porträt des Thikwa-Schauspielers Torsten Ricardo gezeichnet. Nachdem sie Nijinskys Tagebücher in der Übersetzung von Alfred Frank gelesen hatte, entstand die Idee, mit Fragmenten aus dem Leben des Ausnahmetänzers ein Theaterstück mit und für Thikwa zu entwickeln.

Schweben, nicht springen

Das tänzerische Genie des Stars, der nicht zu springen, sondern schwerelos zu schweben schien, steht für sich allein nie im Mittelpunkt. Immer zeigt Mikesch zugleich, wie sich die Wünsche der zahllosen Bewunderer nach Selbst- und Weltüberschreitung, nach Gott-Gleiche, an Nijinskys Fersen heften. Wie sie ihn im Höhenrausch seiner Karriere erst beflügeln und dann, als 1919 mit 30 Jahren der Zenit erreicht ist und seine psychischen Probleme zunehmen, beschweren und zu Boden ziehen.

Gemeinsam mit dem Thikwa-Ensemble hat Mikesch fragile Bilder voller Traumverlorenheit und Zärtlichkeit für Nijinskys Weg in die Schizophrenie gefunden. Vieles – der Bühnenaufbau, die Tanzszenen, die Live-Musik – dreht sich im wahrsten Sinne des Wortes um die Figur des Petruschka, der zum Leben erwachten Gliederpuppe aus Strawinskys Ballett, in deren Namen Nijinsky sagt: „Ich bin ein hässlicher Mensch mit Gefühlen.“ Drehbare, runde Wände aus durchsichtigem Stoff offenbaren oder bedecken, was intimer Einblick oder offenes Geheimnis ist: Die Liebe zu einem jungen Mädchen (Helene Waver), die Nachtgestalten, die Nijinskys Geist bevölkern, seine Angst vor roten Rosen, das kleine, blitzende Messer, mit dem er seinem Leiden ein Ende machen will.

Suche nach Selbstvergewisserung

Zu Petruschka-Motiven tanzen unter anderem das „Mädchen Nelke“ (Heidi Bruck), „Kakao, Krokodil und große Liebe“ (Karol Golebiowski), „Columbine Zimtstange“ (Janette Lange) einen empfindsamen Reigen, der über die Schwerelosigkeit bis zum geschändeten Körper des brennenden Pferdes und Petruschkas Leichnam führt. „Es war nur eine Puppe!“, ruft der Puppenspieler „Herr Kümmel“ (Alexander Lange) da aus. Es fällt schwer, ihm zu glauben.

Immer wieder durchbricht die Inszenierung die Tragik der taumelnden Suche nach Selbstvergewisserung und Halt mit wunderbar absonderlichen Zwischenszenen. Manchmal weiß man als Zuschauer nicht, ob der Moment, in dem die Schwere der Traurigkeit in einen vielstimmigen Gesang des Lachens übergeht, geplant oder aus dem Augenblick geboren ist. Dieses furchtlos-muntere Aushandeln um die Ver-Rücktheiten der Welt beherrschen Wolfgang Fliege als „Herr Blau“ und Dominik Bender als Erzähler „Herr Liebstöckel“ perfekt. Respektlos fallen sie einander ins Wort, beschimpfen sich in teils unverständlichen Tiraden und sind so herrlich ernst dabei, dass es zum Weinen komisch ist.

Mit einem lauten Trompetenstoß lösen sich die Kategorien von gesund und krank, verrückt und normal vollends auf, und was übrig bleibt, ist das frei schwebende Glück des Andersseins.

Fidicinstr. 40, wieder heute bis Sonntag, 20 Uhr. Mehr Infos: www.thikwa.de

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