Theater : Triumph der Unterhose

Uraufführung: Volker Lösch leckt vor Ort "Die Wunde Dresden" - und tritt der weit verbreiteten Zuschreibung, er mache politisches Theater auf der Höhe der Zeit, mit geradezu exemplarischem Schmackes entgegen.

Christine Wahl
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Gemeinsam sind wir stark. Der Chor Dresdner Bürger übt sich in der Abschaffung des Schlafmützentums. -Foto: ddp

Wenn „Die Wunde Dresden“ irgendwann mal ihr theatrales Verfallsdatum erreicht hat, sollte sie unbedingt als Nachtwäschemodenschau recycelt werden. Selten sah man ein derart breit gefächertes Schlafbekleidungsrepertoire vom Kniehosenstrampler über den realsozialistischen Dederon-Klassiker bis zum trendigen Seidenhängerchen. Selten auch hatte man als Zuschauer – in Ermangelung anderer Rezeptionsherausforderungen – die Gelegenheit, jedes Blumenmuster und jeden Faltenwurf so ausgiebig zu studieren wie in Volker Löschs neuer Inszenierung am Staatsschauspiel Dresden.

In den Schlafanzügen stecken die emsigen Laiendarsteller des so genannten Dresdner Bürgerchors. Deutlicher noch als in Löschs früheren Inszenierungen in der sächsischen Landeshauptstadt – von den „Webern“ über „Die Orestie“ bis zum „Woyzeck“ – spielen die Hobbychoristen diesmal die Hauptrolle. Denn Lösch und sein Dramaturg Stefan Schnabel hatten – ausgehend von der Zerstörung Dresdens durch alliierte Kampfflugzeuge zwischen dem 13. und 15. Februar 1945 und deren höchst zwiespältige Rezeptionen und Vereinnahmungen von Seiten der Politik wie der Bevölkerung – eine „Untersuchung“ der Dresdner Erinnerungsmentalität angekündigt.

Was dann zu sehen ist, muss man sich allerdings eher als eine Art Stadtgeschichtsrevue vorstellen: Der Übereifer, mit dem sich die als unzurechnungsfähig inszenierten Schlafanzug-Penner hier von 1934 bis heute jedem politischen System andienen, lässt einen an unbedarftes Schülerkabarett zurückdenken.

Man kann Lösch keinesfalls vorwerfen, dass ihm das Händchen für die Abwechslung zur rechten Zeit fehlte: Kaum hat man die Nachtwäsche hinreichend studiert, erfreuen uns der Regisseur und seine Kostümbildnerin Carola Reuther mit einem neuen handlungstragenden Kleidungsstück: dem Wendebademantel. Mit poetischen Anleihen von Kleist bis Hans Christian Andersen das „deutsche Florenz“ preisend, streifen sich die Choristen nach einigen Minuten unisono blütenweiße Frottee-Exemplare über die Nachtwäsche und spielen so auf den Mythos von Dresden als „unschuldiger Kunst- und Kulturstadt“ an, der bis heute in politischen Instrumentalisierungsversuchen fortwirkt – etwa durch die im sächsischen Landtag vertretene NPD.

Angesichts der Tatsache, dass Historiker nach wie vor heftig über die militärische Notwendigkeit des Bombardements vieler deutscher Städte kurz vor Kriegsende debattieren, hätte man von diesem Punkt aus ideal in Legenden, widerstreitende Behauptungen und politische Vereinnahmungsrhetorik eintauchen können. Lösch interessiert sich aber – symptomatisch für diesen Abend wie für seine Inszenierungsmethode generell – nur für Oberflächen.

Kaum hat der Chor die letzte Kleist-Silbe herausgebrüllt, steht auch schon die „1. Reichstheaterfestwoche“ vor der Tür, mit der das Propagandaministerium Dresden 1934 für seine besondere nationalsozialistische Linientreue auszeichnete. Für die Darsteller geht damit eine neuerliche Herausforderung einher: Es gilt, möglichst schnell und ohne sich in Ärmeln und anderen kleidungstechnischen Tücken zu verheddern, die Bademäntel abzuwerfen, zu wenden und wieder anzuziehen. Auf der Kehrseite sind die Mäntel braun.

Da die Wendeklamotte bereits zu den komplexeren Inszenierungsideen dieses Abends gehört, streifen sich die Choristen vorsichtshalber auch noch Hakenkreuzbinden über die Oberarme, auf deren Kehrseite wiederum zu gegebener Zeit DDR-Fahnen zum Vorschein kommen. Noch später wird das Hammer- und Zirkel-Emblem – wenn zu Marius Müller-Westernhagens „Freiheit“ Helmut Kohl (Martin Reik) und Hans-Olaf Henkel (Kai Roloff) mit Plastikbananenröckchen vor der Frauenkirchenruine als westdeutsche Heilsbringer auftreten – eifrig wieder abgekratzt.

Klar: Subtilität hatte von Volker Lösch keiner erwartet. Dafür hat ihn die Jury des Berliner Theatertreffens – mit seiner Inszenierung „Marat, was ist aus unserer Revolution geworden“ nach Peter Weiss vom Hamburger Schauspielhaus – auch nicht für Mai nach Berlin eingeladen. Aber dass man sich hier so ausführlich in Kostümbeschreibungen ergehen muss, weil der Gehalt des Abends über Nachthemd, Wendebademantel und Bananenröckchen unwesentlich hinauskommt, überrascht dann doch.

Unweit des Dresdner Theaters, mitten im Zentrum, marschierten zeitgleich zu Löschs Theaterpremiere 6000 Neonazis unter Regierungsduldung zu einem „Trauermarsch“ auf. Ebenso viele Gegendemonstranten, darunter SPD-Chef Franz Müntefering und Grünen-Chefin Claudia Roth, hatten sich unter dem Motto „Geh Denken“ zum Widerstand am Theaterplatz vor der Semperoper versammelt. Und Autonome, die die rechte Vereinnahmungspropaganda (Stichwort: „Bombenholocaust“) mit Slogans à la „Keine Träne für Dresden“ kontern, gehören ebenfalls seit vielen Nachwende-Jahren zum Stadtbild am 13./14. Februar.

Mehr als eine notdürftige kabarettistische Illustration dessen, was draußen auf diesen Demonstrationen passiert, erfährt man auch im Theater nicht. Der Berliner Dokumentartheaterregisseur Hans-Werner Kroesinger hat vor einigen Jahren im Dresdner Festspielhaus Hellerau die verschiedenen Historiker-Positionen zur Zerstörung der Stadt, die Vereinnahmungsversuche und die militärische Vorgeschichte der Dresdner Angriffe so lange und akribisch miteinander konfrontiert, bis sie sich gegenseitig entlarvten. Während Kroesinger unter den üblichen Affekten so etwas wie Erkenntnismöglichkeiten freizuschaufelte, geht Lösch den umgekehrten Weg: Er produziert Schwarzweißbilder,Erregungszustände und führt stammtischtaugliche Parolen vor. So gesehen ist Lösch der weit verbreiteten Zuschreibung, er mache politisches Theater auf der Höhe der Zeit, hier mit geradezu exemplarischem Schmackes entgegen getreten: Im Gegensatz zu Kroesinger liefert Lösch Agitprop.

Ob er die Schauspielerin Karina Plachetka breitbeinig als Bomberkommandanten Harris auftreten oder zwei BDM-Mädels auf Rollschuhen erzählen lässt, wie sie „vom Führer Schinkenbrötchen geschenkt bekamen“, ob er Goethesche Mephisto-Passagen einflicht oder Leserbriefe aus der „Sächsischen Zeitung“ zitiert, die sich erregt über die Historiker-Kommission beschweren, welche letztes Jahr die Zahl der Dresdner Angriffsopfer aus ihrer Sicht unzulässig „nach unten korrigierte“: Lösch rennt sperrangelweit offene Türen ein.

Besonders merkwürdig wirkt bei alledem seine Behauptung vom Theater als „demokratischem Forum“, wo „die Bürger der Stadt selbst auf der Bühne stehen und von ihrem Leben sprechen und handeln“. Sieht man die realen uniformierten Hartz-IV-Empfänger in seinem Hamburger „Marat“, die sich zu allen möglichen Betätigungen triezen lassen und am Ende durch die Verlesung der Namen und Adressen reicher Hamburger für einen lokalpolitischen Eklat sorgten oder eben jetzt die Wendebademantel-Dresdner, gehört dazu mindestens eine originelle Demokratie-Auffassung, wenn nicht Arroganz. Da ist der antike Chor, auf den sich Lösch und sein Chefdramaturg Stefan Schnabel so gern berufen, komplexer. Einmal trägt der Chor in der „Wunde Dresden“ im Dunkeln und in der Ich-Form den Bericht eines Augenzeugen der Angriffe vor. Dass dieses individuelle Ich durch den Chor vervielfältigt wird, ist der Höhepunkt an Komplexität und ein einsamer berührender Moment des Abends.

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