Kultur : Theater und Politik: Die vierte Stellwand

Christoph Funke

Mit dem Theater die Welt verändern, die Zuschauer formen und veredeln - das war ein Traum nicht nur sozialistischer Bewegungen. Von der gegebenen gesellschaftlichen Realität ist diese Wunschvorstellung, seit auf der Bühne gespielt wird, immer wieder zerrieben, aber nie ganz vergessen worden. Und doch gab es Momente, da Theater umstürzlerische Bestrebungen vorbereitete, begleitete, unterstützte, da es sich die Straße eroberte und die Schauspieler, wie in Dresden und Berlin 1989, "aus ihren Rollen heraustraten".

Solchen oft heftigen Begegnungen zwischen Politik und Theater spürt eine Ausstellung der Bundeszentrale für politische Bildung nach, die ihren Titel einer markigen Äußerung des Berliner Polizeipräsidenten Bernhard von Richthofen aus dem Jahre 1890 verdankt: "Die ganze Richtung passt uns nicht!" Theater ist Politik ist Theater - diese ein wenig bedeutungsschwanger definierte Maxime der Ausstellungsmacher inhaltlich zu belegen und optisch anschaulich zu machen, brauchte es allerdings viele Säle oder ganze Museen. Es stehen aber nur wenige Gerüste mit bedruckten Stoffen als Trägermaterial für Texte, Fotos, Grafiken, reproduzierte Dokumente zur Verfügung. Was kann da, unter so bescheidenen, ja ärmlichen Bedingungen geleistet werden?

Eine "themenspezifische Auswahl" wird präsentiert, die natürlich fragmentarisch und zufällig bleiben muss. Einmal tritt eine politische Situation in den Vordergrund (Erstürmung der Pariser Oper 1789, Brand des Dresdner Opernhauses im Mai 1848), dann ein dramatisches Werk (Schillers "Räuber"), ein Regisseur (Erwin Piscator) oder eine neue, andere Art, Theater zu machen (revolutionäres Straßentheater in Deutschland, das Theater der Russischen Revolution, Brecht, Heiner Müller). Versucht sind Längsschnitte durch die Geschichte, und überraschenderweise tritt die Politik dabei nicht nur als Widerpart des Theaters, sondern auch als ehrgeiziger Protagonist auf. Ob der "Jenninger-Skandal" im Deutschen Bundestag (November 1984) in den Themenkreis der Ausstellung gehört, muss allerdings nachdrücklich bezweifelt werden. Die "theatralen Momente in der Politik des Medienzeitalters", denen ein eigener Aufsteller gewidmet ist, können das Ausborgen, das Ausleihen, das Verfälschen bestimmter Mittel der Bühnenkunst belegen. Mit der Wirkungsmächtigkeit - oder der Ohnmacht - des Theaters gegenüber gesellschaftlichen Prozessen haben sie wenig zu tun.

Wenn man bereit ist, am scharf umrissenen Einzelbeispiel die vielfältigen, widersprüchlichen, umstrittenen und gegensätzlich gedeuteten Beziehungen von Politik und Theater in Erinnerung zu rufen, ist vieles in der Ausstellung richtig. Etwa die Chronologie zur verhinderten Frankfurter Uraufführung des Fassbinder-Stücks "Der Müll, die Stadt und der Tod" im Oktober 1985, der Hinweis auf die schließlich an der SED-Kulturpolitik scheiternde Zusammenarbeit zwischen Wolfgang Langhoff und Heinar Kipphardt am Deutschen Theater Berlin oder auf die Theaterarbeit Frank Castorfs, die mit heftigen Auseinandersetzungen in der DDR-Provinz - zu sehen ist der "Aufhebungsvertrag" zwischen dem Theater Anklam und Frank Castorf aus dem Jahre 1985 - begann. Auch hier passte den Verantwortlichen "die ganze Richtung nicht".

Eine genauere Dokumentation des nun doch höchst seltenen Vorgangs, dass Theaterleute mit ihrer Arbeit und ihrer direkten politischen Aktion einen Prozess des gesellschaftlichen Wandels selbstbewusst beförderten und öffentlich machten, bleibt die Ausstellung freilich schuldig.

Aber gerade diese Kunst und Politik, Bühne und Alltag zumindest für einen historischen Moment verklammernden Vorgänge der Jahre 1989 / 1990 in der DDR hätten zum Thema gehört. Es bleibt bei flüchtigen Hinweisen, der Besucher ist gefordert, sich ein eigenes Bild zu machen.

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