Theater : Und über uns die Ferne

Wie schwer es ist, eine Heimat zu finden: das Jugenddrama "Ola meine Schwester“ am Grips Theater beschließt eine gute Saison auf hohem Niveau.

Patrick Wildermann
Schubert
Julia Schubert spielt ein Mädchen zwischen zwei Welten. -Foto: dpa

Piroggen sind gefüllte Teigtaschen, die man in Schmalz braten oder im Ofen backen kann, in Polen weiß das jedes Kind. In Deutschland nicht. Das Fremdsein, so legt es das Jugendstück „Ola meine Schwester“ von Magdalena Grazewicz schön anschaulich nahe, beginnt dort, wo die Dinge anders schmecken, riechen und heißen. Die Titelheldin, ein polnisches Mädchen, das mit dem Vater zur neuen Familie nach Deutschland, zu Maria mit ihren zwei Kindern gezogen ist, vermisst so manches, aber am meisten die Piroggen der Großmutter.

Mit „Ola meine Schwester“, einer Geschichte für Menschen ab acht Jahren, beschließt das Grips-Theater eine gute Saison auf hohem Niveau. Das Stück hat den „Berliner Kindertheaterpreis“ gewonnen, einen vom Grips erfolgreich ins Leben gerufenen Nachwuchs-Autorenwettbewerb, der in diesem Jahr seine Fortsetzung findet und Stoffe sucht, die, wie es heißt, „die reale Lebenswelt von Kindern“ spiegeln. Was Grazewicz, eine gebürtige Polin, die an der Berliner UdK Szenisches Schreiben studiert hat, durchaus erfüllt. Mit dem Thema Patchwork-Familie dürften nicht wenige der jungen Zuschauer – die am Ende lautstark nach Zugaben verlangten – etwas anzufangen wissen.

Regisseur Jens Neumann, der kürzlich am Grips die berührende Kinderoper „Nebenan“ inszeniert hat, bebildert die Verpflanzung der jungen Ola mit Witz und Feingefühl, mit Gespür für das Heimweh und für die Überforderung auf allen Seiten. Der sogenannte Migrationshintergrund spielt dabei nur eine Nebenrolle, Nationenklischees bleiben ausgespart, allenfalls treibt Grazewicz Scherze mit den Multikulti-Belangen. Wenn etwa das türkische Nachbarsmädchen Selin – amüsant gespielt von Katja Hiller, die unter anderem einen tollen Schlangenbeschwörungstanz mit Springseil hinlegt – einmal sagt: „Ich bin türkisch. Türkisch ist man, wenn man nicht Deutsche ist, weißt du.“ Um ein vages Gefühl des Andersseins geht es, nicht um rassistische Ausgrenzung. Und der polnische Vater Adam (Christian-O. Hille) darf sogar einen strapaziösen, gut bezahlten Job haben, der ihn viel reisen lässt, so fortschrittlich geht’s hier zu.

Für Ola, von Julia Schubert mit zu Herzen gehender Verletzlichkeit verkörpert, bedeutet das ständige Unterwegssein ihres Papas bloß einen Zuwachs an Einsamkeit. Denn Adams neue Freundin Maria (Michaela Hanser) weiß ihren ersatzmütterlichen Gefühlen noch nicht so recht Ausdruck zu verleihen, und ihre beiden Kinder Marlena und Philipp (starke Radau-Geschwister: Katja Götz und Roland Wolf) fühlen sich von der Stiefschwester in ihrem Revier bedroht. Die wiederum schottet sich im Kleiderschrank ab, ein warm beleuchtetes Refugium, und führt Gespräche mit dem Stoffschaf.

Das starke, universelle Thema von Grazewicz’ Stück ist die Eifersucht unter Kindern, die mit ihren Verlustängsten nicht fertig werden und denen die Erwachsenen nicht genug zuhören. In einer der stärksten Szenen, einer hübsch-entrückten Traumsequenz, fantasiert Marlena darüber, wie es wäre, Ola buchstäblich auf den Mond zu schießen. Entsprechend ist es ein weiter Weg bis zur wechselseitigen Annäherung, die von der Autorin nicht erzwungen, sondern plausibel angebahnt wird. Am Ende wissen Marlena und Philipp sogar, was Piroggen sind.

Wieder heute, 10 Uhr (Schulvorstellung), und Sa. (21. 6.), 16 Uhr

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben