Kultur : Theater: Verkehrte Welt

Christine Lemke-Matwey

Von unten nach oben gelten andere Gesetze als von oben nach unten. Das lehrt die Physik, das lehrt das Theater. Jedenfalls: Eine Leiter fällt man leichter herunter als herauf. Auch sind die Beulen und Blessuren meist markanter. Das Erklimmen eines realalpinen Gipfels hingegen fällt im Anstieg oft leichter als im Abstieg - der Knie wegen und weil, ein zischendes Weißbier vor dem Auge der inneren Schweinehündin, den Taldrang aufs verantwortungsloseste steigern kann, weswegen alle Gelenkprobleme letztlich als Suchtprobleme zu therapieren sind.

Zurück zum Theater. Genauer: In die Provinz, dorthin, wo es noch so richtig nach Pech und Schwefel stinkt und Skandale die Welt bedeuten. In Innsbruck hat sich das Publikum vor "seinem" Tiroler Landestheater einst betend die Knie (sic!) blutig gekniet, nachdem es auf offener Bühne eines nackten Frauenschoßes angesichtig wurde; und in Nürnberg wurde eine vielversprechende Regisseurin nach Mozarts "Entführung" gar mit rohen Rettichen beworfen. Alles von unten nach oben, wie gesagt - und legitim.

Was sich hingegen von oben nach unten erfrecht, zeitigt gern juristische Folgen. Als Jérome Savary vor Jahren einen roten Farbbeutel von der Bonner Bühne auf den weißen Pelzmantel einer enthemmten Kommunalpolitikersgattin in der dritten Reihe schleuderte, hatte er einen Prozess am Hals; und Saarbrückens Ballettdirektor Bernd Roger Bienert wurde jetzt fristlos entlassen, bloß weil er einer "Minderheit" des Publikums die Zunge herausgestreckt hat. Was lehrt uns das? Dass alle Künstler Exhibitionisten sind und alle Tänzer - "aah" - Hypochonder? Immerhin hat Bienert unter den ihm zur Verfügung stehenden Körperteilen ein vergleichsweise harmloses ausgewählt. Nicht auszudenken, wenn er "im Affekt" ... Geteert und gefedert hätten sie ihn und solange kopfüber aus dem Fenster des Bürgermeisters gehängt, bis er mit zerborstenen Gelenken und abgebissener Zunge gewimmert hätte: . a, . a, . a . Pu . . ikum ha . imma Rech ..

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