Theater : Walzer der Untoten

Salzburger Festspiele: Die Sensation der Festspielinszenierung von Barbara Frey ist erfreulicherweise eine künstlerische. Barbara Sukowa brilliert in Heiner Müllers „Quartett“.

Andres Müry
Quartett
Barbara Sukowa: Nach über zwanzig Jahren wieder im deutschsprachigen Theater. -Foto: dpa

SalzburgIn Salzburg ist das Ancien Régime nie wirklich untergegangen. Zwischen barocken Kirchen und Palästen kann man noch immer den Hautgout von Fürsterzbischöfen atmen, die ihren Mätressen Schlösser schenkten. Und Herr von Hofmannsthal verstand ja seine Festspiele als Hinüberrettung der 1918 verröchelten Welt in die Kunst. Das Defilee des Adels mehr von Geld als von Geblüt gibt in der Hofstallgasse allsommerlich einen Abglanz davon.

So war es eine schlüssige Idee des neuen Schauspielleiters Thomas Oberender, dort das schillerndste, verruchteste Paar des Ancien Régime, die Marquise de Merteuil und den Vicomte de Valmont aus Choderlos de Laclos’ Briefroman „Die gefährlichen Liebschaften“, auferstehen zu lassen. Und zwar nicht in einem Theater, sondern im Carabinieri-Saal der fürsterzbischöflichen Residenz, einem Prunkraum mit Kronleuchtern und rotem Adneter Marmor.

Wer weiß, was diese Gemäuer in den vergangenen Jahrhunderten alles gehört haben, wohl kaum aber Sätze wie diese: „Ich bin ein Dreck. Ich will Ihren Kot essen.“ – „Dreck zu Dreck. Ich will, dass Sie Ihr Wasser auf mich lassen.“ Gespielt wird nämlich „Quartett“ von Heiner Müller, dem Chronisten des Ancien Régime der DDR, der seinen Laclos mit de Sade anreicherte. Was das Stück in der DDR untragbar machte: Es wurde 1982 in Bochum uraufgeführt.

Die Sensation der Festspielinszenierung von Barbara Frey ist erfreulicherweise eine künstlerische. Sie verdankt sich einem Paar, auf Salzburg herabgekommen wie von zwei fremden Sternen. Barbara Sukowa, mit verblasstem Bühnen- und Filmruhm in New York lebend, spielt hier seit 1983 (!) zum ersten Mal wieder deutsches Theater. Jeroen Willems, viele Jahre bei Johan Simons’ ZT Hollandia, bringt seinen aasigen kosmopolitischen Charme mit. In der barocken Gruft finden sie einander und tanzen einen Abend lang hinreißend den Walzer der Untoten.

Was nämlich sind Merteuil und Valmont, die zwei dekadenten Libertins, beim Geisterbeschwörer Müller anderes als Zombies, verdammt dazu, ihre exquisiten erotischen Grausamkeiten immer wieder und in alle Ewigkeit durchzuspielen?

Zwei süchtige Spieler, uralt und kindlich zugleich

Der dramaturgische Kunstgriff, das Quartett der Laclos’schen Protagonisten ins Duett zweier multipler Spieler zu verwandeln, ist dabei ebenso genial wie tückisch: Die Opfer des Paares, die tugendhafte Präsidentin Tourvel und deren unbedarfte, der Klosterschule entsprungene Nichte Volanges, erstehen als Masken im Spiel. Zur Austauschbarkeit von Täter und Opfer gesellt sich die von Mann und Frau: Merteuil kann Valmont spielen, Valmont auch Merteuil.

Wie macht man das? Von steriler Kunstinstallation mit Sprechautomaten bis zu Charleys-Tante-Albernheit hat man in diesem – auch international – meistgespielten Stück Müllers schon alles gesehen. Bei der Sukowa und Willems erlebt man: zwei süchtige Spieler, uralt und kindlich zugleich, denen die Doppelgeschlechtlichkeit so natürlich, so instinktiv zu Gebote steht wie der Spieltrieb. Noch nie hat man die zentralen Sätze so intim, so stimmig gehört. Valmont: „Ich glaube, ich könnte mich daran gewöhnen, eine Frau zu sein.“ Merteuil: „Ich wünschte, ich könnte es.“

Zuerst allerdings legen die Regisseurin und ihre Bühnenbildnerin Bettina Meyer eine sternenweite Distanz zwischen die beiden. Den lang gestreckten Raum quert ein Leuchtbalken, der die Reihen der 300 Zuschauer trennt und mal als Tafel, mal als Laufsteg dient. An den Kopfenden, dreißig Meter auseinander, beginnen die Geistertänzer das Spiel. Die Sukowa: im schulterfreien, weit auskragenden Krinolinenkleid von blassem Schimmelgrün, das Haar hochgesteckt, eine maskenhafte, eisige Majestät. Willems: in hellblauem Anzug und Stiefeletten, ein langes Collier als Schal um den Hals geschlungen, ein strizzihafter Mephisto.

Die Stimmen dieser Untoten hallen gespenstisch (in beklagenswert mangelhafter Mikroporttechnik!) durch den hohen Raum, aber ihre Körper bersten immer noch von unerlöster Leidenschaft. Durch das Ritual hindurch, seine Regeln gefährdend, riskieren diese Spieler noch einmal alles. Unerhörter Moment: Wenn die Sukowa als Valmont (in Bundfaltenhose à la Marlene Dietrich) Willems als züchtige Madame Tourvel (in Merteuils Krinolinenrock) rhetorisch sturmreif schießt, steht Willems plötzlich splitternackt da – zum Test von Valmonts beteuerten lauteren Absichten („Ich frage mich, ob sie diesen Brüsten widerstehen können, Vicomte“), aber noch mehr als erotische Provokation für die Spielpartnerin. Und Sukowa-Valmont geht vor ihm langsam, ganz langsam auf die Knie, während sie ihn von Brust bis Zeh beschnüffelt. Willems-Tourvel: „Können Sie eine Frau ansehen und kein Mann sein.“ Sukowa-Valmont: „Ich kann, Lady.“

Ein burleske Szene dagegen die Verführung der jungen Volanges: Willems ist wieder Valmont, die Sukowa die naive kleine Nichte. Dazu hat sie sich bayerische Babysprache zugelegt und kauert neckisch hinterm Krinolinenrock, den sie als Busch benützt. Während Valmont sie von hinten beschnüffelt, singen sie zusammen ein zartes Jodelduett. Danach kommt Müllers kalter Kitsch besonders schön: „Ich will den Engel, der in Ihnen wohnt, entlassen in die Einsamkeit der Sterne.“ Und er erwürgt sie.

Zum Finale nehmen die Endspieler wieder an den Kopfenden Platz. Willems-Tourvel darf den müllerfeministischen Satz versenden „Es ist gut, eine Frau zu sein, Valmont, und kein Sieger“ und ihren Selbstmord ankündigen. Und ganz am Ende lässt er als Valmont, von der Marquise mit Wein vergiftet, den Kopf auf die Tafel sinken. Und Sukowa-Merteuil vereist wieder wie zu Beginn: „Tod einer Hure. Jetzt sind wir allein Krebs mein Geliebter.“

Die Sensation, wie gesagt, war eine künstlerische. Die Reizworte nahm das Festspielpublikum dankbar auf, als wären es Hostien, und applaudierte begeistert. Vielleicht auch, weil es den Genius loci verstand: Den Fürsterzbischöfen war nichts Menschliches fremd.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben